Weltoffen, engagiert und herzlich

Marianne Rauber hinterliess mit ihrem beruflichen, politischen, sozialen und familiären Engagement wertvolle Spuren.

Marianne Rauber anlässlich einer Seniorenveranstaltung 2017. (Bild: Archiv)

12. Januar 2022
14:54

Die Abschiedsfeier für die weltoffene, engagierte und stadtbekannte Marianne Rauber-Jaeggli einen Tag, bevor sie 89 Jahre alt geworden wäre, war ganz auf ihr Wesen und Wirken abgestimmt. In der Stadtkirche prangte noch der geschmückte Christbaum und von der Decke herab leuchtete ein schöner Weihnachtsstern auf das von Rosen geschmückte Porträtbild der Verstorbenen. Marianne Rauber liebte Rosen, und sie liebte auch das Weihnachtsfest über alles. Nach kurzer, schwerer Krankheit starb sie am Heiligen Abend – was für eine Fügung.

Auf diese Merkmale gingen Pfarrer Rolf Zaugg in seinen Abdankungsworten und die Tochter Andrea bei der Würdigung ihrer Mutter ein. Auch in der musikalischen Begleitung der Feier lag viel Sinnbildliches. Die Trauergemeinde stimmte das Weihnachtslied «Ehre sei Gott in der Höhe» an, und Bariton Markus Frey, begleitet vom Stadtorganisten Gaudenz Tscharner, sang Lieder, die den grossen Interessenbogen Marianne Raubers reflektierten, wie Frank Sinatras «My Way», Hildegard Knefs «Für mich soll’s rote Rosen regnen», den Broadway-Song «Rainbow» und das Volkslied «Freut euch des Lebens».


Ein Sprachentalent
Marianne Rauber-Jaeggli war eine eigenständige, willensstarke und weitgereiste Persönlichkeit. Mit ihrem beruflichen, politischen, sozialen und familiären Engagement hinterliess sie Spuren. Sie wurde 1933 als «Nachzüglerli» in eine fünfköpfige Winterthurer Textilunternehmer-Familie geboren, aber als Frau nicht für die Betriebsnachfolge ausersehen. So besuchte sie eine Handelsschule in Neuenburg, wo ihr Sprachentalent auffiel. So erwarb sie an der Universität Genf das Dolmetscher-Diplom für Deutsch, Französisch und Englisch. An der Universität in Madrid kam die spanische Sprache dazu. Rudimentär lernte sie nachher auch Italienisch und Portugiesisch.

Mit besten Voraussetzungen und in der Hoffnung, auf einer «exotischen» Destination eingesetzt zu werden, trat sie ins Eidgenössische Politische Departement, das heutige EDA, ein. Als sie ihr Arbeitgeber drei Monate später aber nur ins grenznahe Besançon schicken wollte, kündigte sie. Diese Unterforderung liess sie sich nicht bieten. Sie fand rasch andere Stellen, zunächst bei Sulzer in Winterthur, bei der SIG in Neuhausen und danach beim Verband der europäischen Berufsfotografen.


Der Schritt nach Brugg
Immer wieder packte sie das Fernweh. Schon als 20-Jährige weilte sie in London – und das ausgerechnet an jenem 2. Juni 1953, an dem Elisabeth II. in der Westminster Abbey zur englischen Königin gekrönt wurde. Der britische Common Sense gefiel ihr zeitlebens. Später reiste sie nach Toronto, in der Absicht, in Kanada zu bleiben. Aber Cousins und Cousinen überredeten sie zu einer Weltreise durch Amerika und Asien.

Wegen der erkrankten Mutter kam sie heim und lernte Paul Emmanuel Rauber kennen. Er entstammte einer alten Brugger Familie, der das Rauber-Gut gehörte, das Ende der 1950er-Jahre dem Neubau des Warenhauses Jelmoli wich. Paul Rauber baute den elterlichen Textilbetrieb in der deutschen Nachbarschaft bei Dogern/Waldshut in ein blühendes Handelsunternehmen um. Das Paar bekam einen Sohn und zwei Töchter. Aber am 30. Oktober 1990 starb der Gatte und Vater überraschend. Die einstige Textilunternehmertochter Marianne Rauber-Jaeggli übernahm die Leitung der Firma und verkaufte sie zehn Jahre später.


Vorkämpferin in vielen Bereichen
Seit 1970 wirkte Marianne Rauber in der Freisinnigen Frauengruppe Brugg mit, die sie auch acht Jahre lang präsidierte, sowie eine Zeitlang im Vorstand der Freisinnigen Frauen Schweiz. Natürlich engagierte sie sich für die Einführung des Frauenstimmrechts. Von 1975 bis 1992 gehörte sie mit kurzem Unterbruch dem Einwohnerrat an. Hier setzte sie sich besonders für Umweltbelange ein: Abfallentsorgung, Erleichterungen für Velofahrer und Fussgänger, Verbesserungen im öffentlichen Verkehr. Damit war sie eine ökologische Vorkämpferin bei der FDP – jener Partei, die zwar Ende den 1970er-Jahre auf schweizerischer Ebene ein liberales Umweltprogramm entwarf, ihm aber danach zu wenig Gewicht beimass und dadurch das Aufkommen der Grünen und zuletzt der Grünliberalen begünstigte.

Marianne Rauber war auch Vizepräsidentin der Programmkommission der Regionalen Radio- und Fernsehgenossenschaft Aargau-Solothurn und der Schweizer Sektion der Europäischen Frauen-Union, was ihr hoch geschätzte internationale Kontakte bis ins hohe Alter ermöglichte, sowie Vorstandsmitglied des Konsumentinnen-Forums Schweiz. Ab Frühjahr 2005 unterstützte sie als Präsidentin der IG Fachhochschule Aargau in Brugg-Windisch auf und hinter der politischen Bühne die Verwirklichung dieses Jahrhundertprojekts in der Region.


Emanzipiert
In Erinnerung bleibt Marianne Rauber als eine tatkräftige, emanzipierte Frau, die für pragmatische Lösungen kämpfte, aber von feministischer Militanz und ideologischem Schattenboxen wenig hielt. Den Diskurs scheute sie hingegen nicht. Oft, aber nicht immer, obsiegte ihre Überzeugung, gelegentlich wurde sie auch belächelt. Sie trugs mit Fassung, ohne Verbitterung. So konnte sie auch über ihren städtischen Übernamen «Güsel-Marianne» wegen ihres Engagements für recyclinggerechte Abfallentsorgung lachen. Denn die Zeit gab ihr recht.

War dieser Artikel lesenswert?

Wir setzen uns mit Herzblut und Know-how für gute Geschichten aus Ihrer Region ein. Wenn auch Sie hochwertigen Journalismus schätzen, können Sie uns spontan unterstützen. Wir danken Ihnen – und bleiben gerne für Sie am Ball.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neustart auf Schloss Schartenfels

Nach den Betriebsferien ist das Restaurant hoch über Wettingen wieder geöffnet –… Weiterlesen

Spektakuläre Suche bei Nacht

Über ein Dutzend Einsatzkräfte suchten am späten Montag die Aare nach einem Mann… Weiterlesen

region

Mutig und aktiv in die Zukunft gehen

Mit einer neuen Vision 2040 startet der Gemeinderat in die Amtsperiode 2022–25.… Weiterlesen

region

Wohnraum statt Gewächshäuser

Auf dem Areal der ehemaligen Gärtnerei «Lägere Blueme + Pflanze» an der… Weiterlesen

region

Ein ganzes Schulhaus im Zirkusfieber

Nach dem grossartigen Erfolg vor vier Jahren veranstaltete die Primarschule… Weiterlesen