Wenn der Kojotentabak sich wehrt

Biologin Florianne Koechlin ist Expertin in Sachen Wurzeln. Sie weiss, wie Pflanzen diese nutzen, um sich unterirdisch zu vernetzen. Davon erzählte sie bei der jüngsten Ausgabe der Philosophischen Gesprächsreihe PhiloThiK.

Thema Wurzeln bei PhiloThiK: Ruth Wiederkehr (links) moderierte den Anlass mit Biologin Florianne Koechlin als Gast
Thema Wurzeln bei PhiloThiK: Ruth Wiederkehr (links) moderierte den Anlass mit Biologin Florianne Koechlin als Gast (Bild: isp)

von
Isabel Steiner Peterhans

07. Januar 2019
14:05

Florianne Koechlin, 70

studierte Biologie und Chemie; sie wurde bekannt als Gentechnikkritikerin und Autorin verschiedener Bücher und zahlreicher Artikel. Sie ist Geschäftsführerin des Blauen-Instituts und beschäftigt sich seit Jahren mit praktikablen Alternativen und Erweiterungen zum bestehenden, allzu einseitigen Wissenschaftsverständnis. Sie ist Stiftungsrätin der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und der Swissaid und war Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich EKAH.

«Was tun Pflanzen so unter der Erde?» Von dieser Frage ausgehend moderierte Ruth Wiederkehr, Vorstandsmitglied vom Theater im Kornhaus, in charmanter Art eine weitere Ausgabe der Philosophischen Gesprächsreihe PhiloThik. Zu Gast hatte sie diesmal die versierte Biologin und Chemikerin Florianne Koechlin aus Münchenstein. Das Gespräch kreiste an diesem Sonntagvormittag ums Thema «Von Wurzeln, die kommunizieren und sich vernetzen». 

 

Im Wald geht die Post ab

Ob sie überhaupt noch gemütlich durch einen Wald spazieren könne, wollte Wiederkehr von der umtriebigen Buchautorin wissen. «Klar doch! Dabei geniesse ich das Geflüster und Getuschel der oberirdischen und für uns sichtbaren Pflanzen und Bäume», sagt Köchlin. «Gerne lausche ich auch dem unterirdischen Flüstern und Kommunizieren der unsichtbaren Wurzeln. Schade, dass ich sie alle nicht ver­stehen kann.» 

Im Anschluss berichtet die 70-jährige Biologin mit viel Leidenschaft über das immer noch nicht ganz erforschte Wissenschaftsgebiet, welches sich damit befasst, wie sich Pflanzen und Bäume – ähnlich einem Netzsystem – unter der Erde austauschen. «Es ist wie auf einem Bazar», nennt sie es, ein «buntes Gewusel». Koechlin redet hierbei auch vom «WWW» – dem Wood Wide Web – einem riesigen, dynamischen Netzsystem aus Wurzeln und Pilzen. Dieses symbiotische Geflecht unterhalb unserer Füsse heisst Mykorrhiza. Es ermöglicht den Bäumen und Pflanzen, in Kontakt miteinander zu treten. Zudem dienen dabei produzierte pflanzliche Duftstoffe, um Insekten anzulocken oder gar Feinde abzuschrecken. Der Kojotentabak (Nicotiana attenuata) sei ein Musterbeispiel für einen perfekt in sich abgestimmten Organismus, so Koechlin. Nikotin in der Pflanze, das als Nervengift für Frassfeinde gilt, ist die effektivste Abwehr. Um die Feinde abzuwehren, steigert die Pflanze ihre Nikotinproduktion auf etwa das Zwei- bis Vierfache.

 

Das Mysterium Pflanzenwelt

Koechlin zeigte sich auch begeistert von Milpa, einem ausgeklügelten Landwirtschaftssystem, welches ursprünglich von den Mayas stammt und noch heute betrieben wird. Dabei werden hauptsächlich Mais, Bohnen sowie Kürbisse angepflanzt. Diese bilden eine perfekt Symbiose: So dient der Mais den Bohnen als Rankhilfe, diese wiederum liefern dem Mais Stickstoff und die grossen Kürbisblätter decken den Boden ab und verhindern das Austrocknen. Man redet auch von der «Drei-Schwestern-Landwirtschaft». 

Sich in der Natur aufzuhalten und sich mit ihr zu beschäftigen, beflügelt Florianne Koechlin enorm. Es hat sie in den vergangenen Jahren auch dazu bewogen, sich der Malerei zuzuwenden. Das Mysterium Pflanzen sei derart umfangreich, dass Koechlin es sehr schätzt, «faktisch nicht Fassbares» malerisch zum Ausdruck zu bringen. Als Beispiel nannte sie die Tatsache, dass 98% der Bakterien in den aktuellen Böden noch unbekannt und unerforscht sind. 

 

Philosophischer Abschluss

Nach einer intensiven Diskussion wurde das Publikum im ThiK zur Fragerunde eingeladen. Ein Gast wollte wissen, ob denn Pflanzen überhaupt lernfähig seien. Florianne Koechlin erzählte von einem Experiment mit Mimosen, die sich an gewisse Erfahrungen erinnern konnten und ihr Verhalten entsprechend anpassten. Weiter wurde gefragt, was es mit dem Hors-sol-Gemüse auf sich habe und was der Mond für einen Einfluss auf die Pflanzen zeige. Die Biologin gab sich überzeugt, dass insbesondere in der anthroposophischen Landwirtschaft oftmals in diesem Verfahren gepflanzt würde und dies ihrer Meinung nach durchaus seine Berechtigung habe. 

 

Florianne Koechlin schloss den interessanten Diskussionskreis dann auf philosophische Art und Weise und ermahnte die Zuhörenden insofern, indem sie sagte, dass die Menschen ja auch Wurzeln hätten, die für Halt und Bindung stehen – mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: «Menschen können sich fortbewegen und flüchten, wenns eng wird. Pflanzen und Bäume nicht.»

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