Wenn Mauern sprechen könnten …

Das traditionelle Landgasthaus zum Hirschen in Kirchdorf erhielt vor 350 Jahren das Tavernenrecht. Ein nicht alltägliches Jubiläum – das nun gebührend gefeiert wurde.

Die Gastgeber, Geschäftsführerin Alexa Schneider und ihr Bruder Felix, konnten am Jubiläum am 30. August rund 200 Gäste begrüssen. (Bild: SBS)

von
Suzana Senn-Benes

04. September 2019
08:55

Könnten Mauern sprechen, ja, welch spannende Geschichten aus der Vergangenheit würden sie berichten? Wie viele Kutschen fuhren wohl in all den Jahren über den Dorfplatz? Wie viele Gäste kehrten im Wirtshaus ein? Wie viele Reisende suchten eine Übernachtungsgelegenheit? Und wie viele rauschende Hochzeiten wurden hier wohl gefeiert? 

Die Geschichte des Gasthauses zum Hirschen geht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Seit mittlerweile fünf Generationen ist der Betrieb im Besitz der Familie Schneider. Das Gebäude wurde in den vergangenen Jahrzehnten regelmässig vergrössert und erneuert. Bei jeder Änderung wurde nach strengen Auflagen des Denkmalschutzes stilvoll aus- und umgebaut. Dabei wurden die charakteristischen Werte eines Landgasthauses stets beibehalten, und trotz allem kann das Wirtshaus mit der Moderne Schritt halten. Die Familie Schneider ist der Überzeugung, dass Zukunft Herkunft braucht. So stehen die traditionellen Werte auch heute noch im Zentrum ihrer Überlegungen zur künftigen Ausrichtung des Gasthauses.

 

Es war einmal im Jahre 1669

Der Historiker Max Baumann aus ­Villigen hat die Geschichte vom ­Gasthaus und der Familie Schneider erforscht und seine umfangreichen Recherchen schriftlich festgehalten. Dort ist nachzulesen, dass der Propst von Klingner 1669 Friedli Schneider zum beständigen Wirt der Taverne in Kirchdorf ernannte. Schneiders Frau war eine Leibeigene des Kloster St. Blasien. Es ist nicht bekannt, ob dieser Schneider ein direkter Vorfahre der heutigen Geschäftsführerin Alexa Schneider war. Wie auch immer, Schneider hiess auch er. Rund um den Dorfplatz war damals der eine oder andere Bauer berechtigt, den Durchreisenden Speis und Trank sowie ein Bett anzubieten. 

Anscheinend bemühten sich diese nicht besonders und schenkten den Gästen schlechten Wein aus. Das führte dazu, dass sich die Reisenden beim eidgenössischen Landvogt in Baden beschwerten. Die Beschwerden hatten zur Folge, dass Friedli Schneider zum einzig befugten Wirt in Kirchdorf bestellt wurde. 

 

Konkurrenz aus Baden

Im Jahr 1691 gab Friedli Schneider seine Tätigkeit als Tavernenwirt jedoch auf. Es war eine unruhige Zeit. Die Hugenotten wurden gejagt, Pirat Henry Morgan war der Schrecken der Weltmeere, und in der «Neuen Welt» durften Schwarze von Gesetzes wegen versklavt werden. Auch in ländlichen Gegenden schwelten Konflikte. Der «Hirschen»-Wirt hatte es schwer, denn ständig herrschte auch Streit und Betrug unter den Nachbarn. Am schlimmsten aber war der eidgenössische Landschreiber in Baden, der unbefugt ein weiteres Gasthaus in Kirchdorf betrieb. Das bewog Schneider dazu, aufzuhören.

Fast 200 Jahre später, im Jahr 1887, lebte am Kirchdorfer Dorfplatz, im östlichen Teil des Meierhofes, der 59-jährige Landwirt Joseph Bernhard Schneider, der Urururgrossvater der heutigen Generation mit Alexa und Felix Schneider. Seine Frau schenkte ihm sieben Kinder, von denen leider nicht alle überlebten. Für seinen Erstgeborenen Johann Friedrich kaufte er den «Hirschen», damals ein mässig erfolgreiches Gasthaus, um ihm die Zukunft zu sichern. Bis heute befindet sich das Landgasthaus zum Hirschen im Besitz der angestammten Familie.

350 Jahre – das ist wahrlich ein Grund zum Anstossen! So wurde eigens zur Feier ein Jubiläumswein vom einheimischen Winzer Peter Hitz kreiert. Die Badener Traditionsbrauerei Müllerbräu, welche seit Bestehen den «Hirschen» beliefert, hat ein Jubi­läumsbier gebraut. Im Jubiläumjahr werden im Gasthaus Hirschen Spezialitäten von überlieferten Rezepten der Gross- und Urgrosseltern serviert. Der Gastronomiebetrieb zum Hirschen ist nach wie vor ein beliebter und traditionsreicher Ort, um sich zu treffen, Familienfeste zu feiern oder auch Firmenanlässe und Seminare abzuhalten. Der Dorfkern mit den historischen Bauten, den Kastanienbäumen und dem plätschernden Dorfbrunnen ist von nationaler Bedeutung. 

 

Jubiläumsfeier am 30. August

Das 350-jährige Bestehen wurde am 30. August gefeiert. Der Dorfplatz verwandelte sich in ein festlich geschmücktes Festgelände. Weisse Tischtücher zierten die vielen Tische, und die leeren Gläser warteten nur darauf, mit dem Jubiläumswein gefüllt zu werden. Die Badener Stadtführerin Silvia Hochstrasser entführte die geladenen Gäste, über 200 an der Zahl, mit ihren historischen Erzählungen in die Vergangenheit. 

Obersiggenthals Gemeindeammann Dieter Martin, der Badener Stadtammann Markus Schneider und der Geschäftsführer der Müllerbräu, Felix Meier, liessen es sich nicht nehmen, persönlich Glückwünsche zu überbringen. Unter den Gästen fanden sich weitere Behördemitglieder aus Ober- und Untersiggenthal, Vereinspräsidenten und Vorstände, Lieferanten, Geschäftspartner, Präsidenten der kantonalen und Ortsparteien. Alle Anwesenden durften einen historischen und unvergesslichen Anlass miterleben.

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