Wenn «Picasso» gelb leuchtet

Die Nachfrage nach einhei­mischem Rapsöl boomt – was zu einem Mehranbau des gelben Kreuzblütlers geführt hat.

Gelb, wohin das Auge reicht – hier vom Eichmatthof auf dem Hertenstein in Richtung Freienwil und Schneisingen (Bild: bkr)

11. Mai 2022
17:05

Sie heissen Trezzor, Tempo, Phoma, Exlibris, Picasso, Angelico oder Matteo – die Rapssorten, welche derzeit auf den Feldern tief gelb leuchten. Täuscht sich das Auge des Laien, oder ist die Zahl der Rapsfelder in diesem Jahr aussergewöhnlich gross? «Ja, sie ist es», bestätigt Stephan Scheuner vom Verein Rapsöl Schweiz. Der Rapsanbau in der Schweiz erfolgt – wie jener von Zuckerrüben – im Vertrags­anbau. «Dazu werden den Produ­zenten vom Schweizerischen Getreideproduzentenverband entsprechende Mengen respektive Flächen zugeteilt», erklärt Scheuner. Dieses Jahr belief sich die Menge auf einen hohen Wert von 100 000 Tonnen.

Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine hat die Mehrmenge nichts zu tun – die meisten Rapssorten wurden bereits letzten August angesät. Andererseits erinnern die gelben Felder unter blauem Himmel durchaus an die Nationalfarben der Ukraine. Wohin wandert die Mehrproduktion? In die Herstellung von Bio-Diesel? Eine solche gibt es in der Schweiz tatsächlich. Aber Treibstoff aus Nahrungsmitteln herstellen, die aktuell in weiten Teilen der Welt Mangelware sind?

Dazu «Biofuels Schweiz», der Verband der Schweizerischen Biotreibstoffindustrie: «In der Schweiz gilt der Grundsatz, dass Pflanzen zuerst als Nahrungsmittel, dann als Futtermittel und erst zuletzt als Treibstoff verwendet werden.»


Aus Fritteusen-Öl wird Diesel
Unter den derzeitigen Förderbedingungen (Direktzahlungen an die Bauern) sei es faktisch unmöglich, dass eine ackerbaubasierte Produktion von biogenen Treibstoffen in unserem Land überhaupt eine Rolle spielen könnte. Das in der Schweiz zu Diesel verarbeitete Öl stammt vor allem aus der Gastronomie (Fritteusen). Gemäss Angaben der Eidgenössischen Zollverwaltung werden etwa 7,5 Prozent des hier verkauften Biodiesels in der Schweiz hergestellt. Bioethanol wird sogar ausschliesslich importiert.

Verantwortlich für die vielen gelben Felder ist die Nachfrage seitens der Ölwerke nach Schweizer Raps – spätestens seit Corona sind die Konsumentinnen und Konsumenten vermehrt auf den Raps-Geschmack gekommen. Beat Jetzer ist Landwirt im Lengnauer Weiler Vogelsang und leitet in seiner Gemeinde die Erhebungsstelle Landwirtschaft. Auch er baut Raps an. Pro Hektar lassen sich je nach Sorte und Feld zwischen 2,5 und 4 Tonnen ernten – die je nach Marktpreis rund 800 Franken pro 1000 Kilo bringen. Ökonomie ist das eine, Ökologie das andere. Für Jetzer ist Raps in der Fruchtfolge sehr wichtig – insbesondere für Äcker, die schwer­gewichtig für Getreide genutzt werden.


Volle elf Monate auf dem Feld
Je nach Sorte wird im August angesät, und im folgenden Juli werden die Ölschoten geerntet, womit der Raps volle elf Monate auf dem Feld ist, was den Boden bedeckt und ihm guttut. Zudem werden die gedroschenen Rapspflanzen auf dem Acker belassen und düngen diesen. Interessant auch, dass sich die vielen Rapspflanzensorten in zwei Gruppen aufteilen lassen. Aus der einen werden in den Ölmühlen feinste kaltgepresste Produkte hergestellt, die den Gaumen eines jeden Gourmets erfreuen. Die andere Gruppe sind Sorten, welche für die Lebensmittelindustrie – für die maschinelle Verarbeitung der Rapssamen – optimiert wurden. Die Ansprüche von Raps an den Boden sind mit denen des Weizens vergleichbar. Zudem ist Raps nicht «selbstverträglich», das heisst, dass man nach dem Anbau drei oder besser vier Jahre auf Raps verzichten sollte, um ein vermehrtes Auftreten spezifischer Pflanzenkrankheiten und -schädlinge zu vermeiden.

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