Wer hat hier Angst vor dem Tod?

Nicht ein Gefängnis, sondern das Krematorium Liebenfels ist Schauplatz von «Ruhe in Freude», der jüngsten Produktion des Theaters «Ausbruch».

Auch Tiere und Särge sind Teil der Inszenierung auf dem Friedhof Liebenfels. (Bild: zVg | Sebastian Derungs)

von
Feller, Elisabeth

19. Januar 2022
16:20

Friedhöfe sind Orte des Trauerns. Manche Menschen tun sich schwer mit ihnen, weil sie dort an ihre eigene Vergänglichkeit erinnert werden. Aber: Friedhöfe sind auch Orte zum Verweilen und Nachdenken. Zu beidem lädt «Ausbruch» ein, ein Team, das seit 2013 Aufführungen mit Insassen von Justizvollzugsanstalten erarbeitet. Mit dem Gefängnistheater hat Initiantin und Regisseurin Annina Sonnenwald ihre Berufung gefunden.

Jahr um Jahr überraschten sie und ihre Kerntruppe mit Produktionen, die in den Anstalten gezeigt wurden. Aber 2022 ist alles anders. Die Pandemie liess Inszenierungen in den JVA nicht zu, «was für die Gefangenen einschneidend war, denn die Aufführungen bilden immer einen Höhepunkt der Theaterarbeit im Gefängnis. Uns haben nun so viele berührende Briefe erreicht, worin uns die Gefangenen von ihrer Isolation erzählt haben», erzählen Annina Sonnenwald und Produktionsleiterin Lea Schwab und betonen, dass der Inhalt dieser Zeugnisse Eingang in die neue Produktion «Ruhe in Freude» gefunden habe.

Isolation ist aber auch oder insbesondere für jene Hochbetagten kein Fremdwort, für die Sterben und Tod immer näher rücken. Wie gehen sie damit um? Vor sieben Jahren erzählte die heute 97-jährige Maja ohne Scheu im Rahmen der damaligen «Ausbruch»-Produktion «Wer hat Angst vorm Tod?», wie sie sich ihren – selbstbestimmten – Tod vorstellt. Für Annina Sonnenwald ein eindrückliches, unvergessliches Erlebnis.


Reale Geschichten und Fakten
Wie schon 2014 ist das Badener Krematorium Liebenfels 2022 Schauplatz für eine neue, von 19 bis 20 Uhr dauernde, mit Musik und Tanz aufgelockerte Produktion: «Ruhe in Freude» wird von zehn Personen – Schauspie­lenden, einer Bestatterin, einem Ex-Gefangenen und einem Krematoriumsmitarbeiter – bestritten. Ein «klassisches» Theaterstück ist der Abend nicht, dafür ist er etwas anderes: eine nicht in erster Linie traurige, sondern informative Veranstaltung, die dem Publikum einen Einblick in die Abläufe zwischen Tod und Beerdigung gibt. «Wir werden reale Geschichten aus dem Leben von Menschen hören, die durch ihre Arbeit einen meist unsichtbaren Dienst an der Gesellschaft leisten. Und wir lernen gleichsam nebenbei unbekannte Fakten kennen: beispielsweise, wie viel eine Kremation tatsächlich kostet», sagt Lea Schwab. Nämlich? «495 Franken.» Wer hat es gewusst? Die Produktionsleiterin wendet sich an ihr Gegenüber: «Wissen Sie, dass es in der Schweiz gerade mal sechzehn Krematorien gibt?» Nein. Da gibt es wirklich viel zu erzählen. Bestimmt auch beim 20-minütigen Rundgang über das Friedhofgelände.

«Weil der normale Tagesablauf im Liebenfels nicht beeinträchtigt werden darf, proben wir jeweils ab 16 Uhr vom 11. bis 16. Februar gewissermassen in einem einzigen Durchlauf», sagt Lea Schwab. Am 17., 18., 24. und 25. Februar finden dann die Vorstellungen mit jeweils sechzig bis achtzig Zuschauern statt. Bloss vier? «Ja. Wir haben aus den Erfahrungen von 2014 gelernt. Damals haben wir zwölf Mal gespielt, das erwies sich als zu viel.»


Betagte und Kinder gesucht
Wird «Ruhe in Freude» ab 26. Februar demnach der Vergessenheit anheimfallen? Nicht unbedingt. Sonnenwald verweist auf ein Vorhaben, das durchaus Umsetzungspotenzial hat. «Gerade weil die Schweiz nur wenige Krematorien aufweist, könnten wir uns eine kleine Tournee vorstellen.»

Darüber hinaus gibt es auch noch ein Herzensanliegen. Die Regisseurin erwähnt noch einmal Maja, die bei der jüngsten Produktion nicht mehr dabei sein kann. «Deswegen würden wir uns glücklich schätzen, wenn wir auch für ‹Ruhe in Freude› über 90-jährige Menschen finden könnten, die über Sterben und Tod sprechen wollen. Wir suchen zudem auch noch Kinder.»

Weil das Jahr noch jung ist, darf die Wunschliste lang sein. Das Team «Ausbruch» träumt davon, eines Tages das zu realisieren, was im Film «Un Triomphe» derzeit in den Kinos zu sehen ist. Darin haben Gefangene Samuel Becketts «Warten auf Godot» erarbeitet, worauf sie mit der Inszenierung auf Tournee gehen. Liebend gerne würde auch Sonnenwalds Team mit einer Truppe aus Gefangenen in einem grossen Theater wie dem Schauspielhaus Zürich gastieren. Wer mitmachen möchte, kann sich unter mail@ausbruch.ch oder 076 441 39 56 melden.

 

Aufführungen: 17., 18., 24. und 25. Februar, jeweils 19 Uhr
Krematorium Liebenfels Baden
ausbruch.ch

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