«Willi, am Schluss nur mit ‹i›»

Willi Steinhauer erlebte seinen 100. Geburtstag nicht mehr. Kurz vor Weihnachten hat Brugg ein Stadtoriginal verloren.

Willi Steinhauer, ein bescheidener, aber weltoffener Mensch. (Bild: zVg)

12. Januar 2022
14:42

Willi Steinhauers Lebenserinnerungen beginnen mit dem Satz: «Ich, Willi, am Schluss nur mit ‹i› nicht mit ‹y› geschrieben, einfach ganz gewöhnlich, aber eigentlich spielts keine Rolle, wurde am 5. Februar 1922 in der ‹Krone› in Laufen geboren.» Er hätte also, geistig wach und wie eh und je am aktuellen Geschehen interessiert, demnächst im Kreis seiner grossen Familie den 100. Geburtstag feiern können. Das Schicksal wollte es anders. Am 21. Dezember starb er nach kurzem Spitalaufenthalt. Offenbar ahnte er das nahende Ende, denn er hatte die Weihnachtsgeschenke für die Enkel und Urenkel vorbereitet.


Mit zehn Halbwaise
Mit Willi Steinhauer hat Brugg einen seiner ältesten Einwohner und eigentlich ein Stadtoriginal verloren, dem man alleweil begegnete. Er war ein bescheidener, aber weltoffener, hilfsbereiter, humorvoller und dankbarer Mensch. Die Lebenserinnerungen des achtfachen Vaters, fünfzehnfachen Grossvaters und elffachen Urgrossvaters, die von einer Schwiegertochter aufgezeichnet wurden, füllen eine 76-seitige Familienchronik. Die darin enthaltenen Reminiszenzen widerspiegeln Charakter und Wirken des Verstorbenen; darüber hinaus geben sie Einblick in schwierige frühere Zeiten und Lebensumstände. Willi Steinhauer machte das Beste daraus.

Als zweitjüngstes von acht Geschwistern verlor er mit zehn Jahren den Vater. Die neun Jahre ältere Schwester Marie wurde so etwas wie Willis Kindermädchen, und die noch etwas ältere Schwester Emilie sogar seine Erstklasslehrerin. In der siebten Klasse bekam er eine Lungen- und Bauchfellentzündung. Weil es noch kein Penicillin gab, ordnete der Doktor einen Aufenthalt mit Geissenmilch-Kur im Berner Oberland an. Zudem riet er dem Jüngling, wegen des Mehlstaubs nicht Bäcker, sondern Gärtner zu werden. Und er verschaffte ihm nach einem Zwischenjahr als Fischer- und Rebbauerngehilfe am Neuenburgersee auch gleich eine Lehrstelle in Muri bei Bern.


Die Liebe fürs Leben
Es war Krieg, die Lehrmeister-Söhne rückten ins Militär ein, und Stift Willi übernahm ihre Aufgaben in der Landschafts-, Topfpflanzen- und Gemüsegärtnerei. Zweimal wöchentlich bewältigte er auch den Markt auf dem Bundesplatz in Bern und fand an den Kundenkontakten Gefallen. All das kam ihm später zugute. Nach der Rekrutenschule, dem Aktivdienst und einer zweijährigen Anstellung in einer Gärtnerei in La Tour-de-Peilz – wo er seine «Liebe fürs Leben», die Bielerin Pervenche Yvonne Probst, kennenlernte –, trat er am 1. März 1945 in die Gärtnerei Haller in Brugg ein.

Patron Ernst Haller schickte den tüchtigen Mitarbeiter schon 1947 zum Erfahrungsaustausch für anderthalb Jahre nach Dänemark. Willis Verlobte Yvonne, ein Verdingkind aus einer zerrütteten Familie, das es zur Hotelköchin brachte, reiste nach, und die beiden heirateten in Skandinavien. Zurück in der Schweiz, blühte das Familienglück auf. Zwischen 1949 und 1960 wurden Willi und Yvonne Steinhauer-Probst Eltern von acht Buben, und von Mietern einer Einzimmerwohnung schliesslich zu Einfamilienhaus-Eigentümern an der Habsburgerstrasse.


Stolz auf die «Giele»
Acht Söhne, da lief viel! Der Vater war auf seine «Giele» stolz, auch wenn dann und wann nachgeforscht wurde, ob sie für den einen und andern Streich infrage kamen. Sie machten alle ihren Weg, beruflich, geschäftlich und sportlich: Es gab bei den Steinhauers nationale Meistertitel zu feiern. Ihr Name war in Brugg ein Begriff für zupackendes Handeln.

Willi Steinhauer war immer der Überzeugung, man müsse sich für die Öffentlichkeit engagieren. Zwanzig Jahre lang war er Stimmenzähler und ebenso lang als EVP-Vertreter regelmässig mit hohen Stimmenzahlen wiedergewähltes Mitglied des Einwohnerrats. Dass einer seiner Söhne und ein Enkel ihm im Amt nachfolgten, freute ihn sehr. In einer Kommission förderte und jurierte er den Blumenschmuck an Häusern in der Stadt. Und jahrelang schmückte er die Rednerkanzel der Rutenzug-Morgenfeier.


Schicksalsschläge
Willi Steinhauers über dreissig Jahre dauernder Ruhestand wurde vom Tod seiner Gattin, 1997, und seines Sohnes Reini, 2005, sowie einem Herzinfarkt und Oberschenkelhalsbruch überschattet. Aber mit seiner positiven Einstellung meisterte er alle Unbill. Nur etwas verkraftete er nicht: den Eintritt ins Pflegeheim und den Corona-Lockdown im letzten Frühjahr mit radikalen Einschränkungen seines Aktionsradius. Er setzte alles daran, mit 98 Jahren wieder nach Hause zurückkehren zu können. Seine Angehörigen und die Spitex unterstützten ihn dabei. Für sein langes Leben war er dankbar. Die Trauerfeier findet am 5. Februar statt, am Tag, an dem er 100 Jahre alt geworden wäre.

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