«Wir haben den Staub im Blut»

Vom Brisgi-Hochhaus in Baden-Kappelerhof aus beliefern sie die ganze Schweiz: Die Staubbeutel-Profis Martin Hartmeier und Adrian Palmieri.

Adrian Palmieri und Martin Hartmeier mit zwei Vintage-Saugern (Fakir 820 und Nilfisk GS80): «Der Staub muss weg.» (Bild: es)

09. September 2020
13:54

«Ich habe den Staub sozusagen im Blut», lacht Martin Hartmeier. Schon als Bub faszinierten ihn Staubsauger. «Mit meinem Vater nahm ich mit fünf Jahren einen Volta U-125 auseinander. Wir bauten ein neues Motorlager ein. Das Ding lief nachher wieder einwandfrei – das löste bei mir eine regelrechte Faszination aus.» Daheim in Wettingen reparierte er schon als Primarschüler  Bügeleisen, Kaffeemaschinen und Staubsauger. Als Jugendlicher verkaufte er die frisch revidierten Geräte per Kleinanzeige in der «Fundgrueb». Heute ist sein Hintergrundwissen aus der Teenagerzeit von ungeheurem Wert.
Nach einer Lehre als Autoteile-Logistiker bei der Volvo-Reussgarage Meier in Gebenstorf machte er sich im Jahr 2004 mit einem eigenen Webshop für Haushaltsgeräte selbständig. «Ich merkte schnell, dass ich gegen die grossen Detailhändler und Webshops nicht ankam.» Nur ein Produkt lief überraschenderweise gut: Staubbeutel. Also beschloss Martin Hartmeier, sich fortan auf diese Nische zu konzentrieren. Von Anfang an dabei ist Geschäftspartner Adrian Palmieri, zunächst Teilzeit und seit drei Jahren ganz für das Onlineunternehmen.


DDR-Staubbeutel per Mausklick
Unter dem Namen staubbeutel.ch liefern die beiden Staubbeutel-Profis passende Staubbeutel für 40 000 verschiedene Staubsaugermodelle aller Marken. Hartmeier und Palmieri kennen Tausende von Staubsaugern dem Namen und Typ nach – Hersteller wie Electrolux haben ihre Modelle oft unter verschiedenen Marken und Namen wie Tornado oder Volta in ganz Europa vertrieben. Staubbeutel-Experte Hartmeier hat im Bereich der Staubbeutel ein Fachwissen wie kaum jemand in ganz Europa. Ob Cleanfix RS-05, Klopfsauger Fakir 420 oder ein Miele S712 Super Air Clean – Hartmeier kennt den passenden Beutel. «Nebst den aktuellen und gängigen Modellen sind in vielen Schweizer Haushalten oft auch noch exotische Sauger in Betrieb», weiss Hartmeier. Bei EPA gab es seinerzeit Staubsauger der Marke «AKA Elektronik» aus der DDR. Wer noch, auch 31 Jahre nach dem Mauerfall, mit einem DDR-Sauger seine Wohnung reinigt, ist bei den Staubsauger-Profis von staubbeutel.ch an der richtigen Adresse. Per Mausklick bestellt, wird anderntags geliefert. Nebst vielen privaten Kunden schätzen viele Gewerbekunden, Firmen, Museen, Verwaltungen oder auch Schulhausabwarte die Staubbeutel-Profis aus Baden: «Oft haben solche Betriebe verschiedene Geräte und schätzen es, von einem Lieferanten beliefert zu werden.»


Staubbeutel fürs Nonnenkloster
Das Motto der Staubbeutel-Profis heisst «Geht nicht, gibts nicht!» Dank ihrem grossen Fachwissen können Hartmeier und Palmieri fast immer mit den richtigen Staubbeuteln helfen – notfalls sogar mit einer exklusiven Nachfertigung. «Vor einigen Jahren wandten sich Klosterfrauen aus der Innerschweiz an uns. Sie hatten mehrere fast 40-jährige Hitachi-Staubsauger in Betrieb. Aber nirgends gab es mehr Beutel.» Hartmeier liess seine Beziehungen zu einem Hersteller spielen und eigens eine grössere Anzahl Beutel herstellen. «Finanziell gelohnt hat sich das kaum, aber wir konnten helfen.» Man spürt es: Hartmeier und Palmieri sind mit Herzblut dabei. «Staub ist unser Leben. Wenn wir Kunden glücklich machen können, freut uns das ungemein.»

Reich wie Amazon-Milliardär Jeff Bezos, Ikone aller Internethändler, sind Hartmeier und Palmieri bisher nicht geworden: «Millionär wird man mit Staubbeuteln kaum. Dafür sind die Margen zu bescheiden.» Trotzdem ist der Webshop immer bekannter, und täglich verlassen Dutzende von Staubsaugersäcken die Zentrale im Brisgi-Hochhaus. Die Kunden sind in der ganzen Schweiz zu Hause, aber auch im Ausland. «Wir haben schon nach Estland oder Irland geliefert.»


Es hört nie auf mit dem Staub
Wie sieht die Zukunft im Staubbeutel-Markt aus? Hartmeier lacht: «Staub gibt es immer.» Das Aufkommen der beutellosen Sauger sieht er nicht als Gefahr: «In der Praxis ist das eben doch nicht ganz so toll: Für Allergiker ist das Leeren unhygienisch, zudem müssen Filter auch ersetzt und gewaschen werden. Ich kenne viele Leute, die steigen wieder um auf Beutel.»


Staubsäcke für 40 000 Modelle
Laufen tut der Webshop nicht nur im Frühling, wenn der grosse Frühjahrsputz angesagt ist: «Es gibt immer einen Grund zum Saugen», lacht Adrian Palmieri. «Zwischen Weihnachten und Neujahr haben wir oft Hochbetrieb – viele Leute wollen dann die Tannennadeln ihres Weihnachtsbaums wegsaugen. Und gerade dann sind die Staubbeutel ausgegangen.» Dank Teilzeit-Mitarbeitenden wollen die beiden Staubbeutel-Profis künftig ihre spärliche Freizeit etwas mehr geniessen: «Seit 17 Jahren war ich kaum in den Ferien», sagt «Mr. Staubbeutel» Martin Hartmeier, dessen Webshop während des Lockdowns nochmals zugelegt hat: «Für uns ist das Coronavirus eine Chance: Die Leute haben mehr Staub gesaugt.»

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