«Wir haben immer Krise»

Ein kleines, aber feines Podium debattierte am Martini-Treff zum Thema «Was wir aus Krisen lernen können».

Referentin Katja Gentinetta, Nationalrätin Maja Riniker, Regierungsrat Markus Dieth, Moderator David Kaufmann. (Bild: sha)

17. November 2021
14:06

So ziemlich alles, was in der erweiterten Region Brugg in Wirtschaft und Politik Rang und Namen hat, pilgert gerne zum Martini-Treff. Die zwölfte Ausgabe des beliebten Events ging namensgetreu am 11. November über die Bühne. Martin Jakob von der Geschäftsstelle der organisierenden Vereinigung KMU Region Brugg freute sich, dass mit rund 300 Gästen wieder so viele Leute wie vor der Pandemie anreisten.


Nachholbedarf im Geselligen
Nachdem der Martini-Treff 2020 ausgefallen war, gab es Nachholbedarf bezüglich des sozialen Austausches: Es dauerte eine Weile, bis sich alle vom Apéro im Foyer in den Campussaal hinein begaben. Dort erwartete sie zum Auftakt eine fulminante, ohrenbetäubende Überraschung: Die Windischer Guggenmusik Trombongos (Zitat eines Besuchers: «Die sind aber wirklich gut.») liess die Wände erzittern. Später wurden die Klänge feiner: Die Fricktaler Herzbuebe begeisterten das Publikum mit ihren mehrstimmigen A-capella-Vorträgen. Das Repertoire der sieben Männer umfasst Lieder unterschiedlichster Variationen.

Dario Abbatiello, Leiter KMU Region Brugg, betonte in seiner Begrüssung die Unterstützung und den Einsatz für eine Kantonsschule in Brugg-Windisch. Dennoch dürfe man auch die Berufslehre nicht vernachlässigen. «Unser Herz schlägt auch für die Lehre», sagte Abbatiello und verwies auf die soeben angekündigte Berufs- schau «Stifti22», die Mitte September in der Mülimatt-Halle durchgeführt werden soll.

Laut Einladung sollte der Martini-Treff «nicht die tausendste Manöverkritik zur Bewältigung der Corona-Krise» sein. Um es vorwegzunehmen: Das Podium tendierte dann doch etwas stark in diese Richtung.


«Leben in komplexem System»
Zuvor aber beleuchtete Katja Gentinetta, ihres Zeichens politische Philosophin und Publizistin, die Krisen der jüngeren Geschichte und ihre Folgen für die Gesellschaft. Auch lieferte sie eine Anleitung, wie Krisen fruchtbar bewältigen werden können. «Wir haben immer Krise, aber im Moment spüren wir sie einfach stärker. Dies ist so, weil wir in einem komplexen System leben», sagte die gebürtige Walliserin, die heute in Lenzburg lebt. Laut Gentinetta hat die Pandemie viele Trends extrem beschleunigt. Sie nannte die Spaltung der Gesellschaft, die Digitalisierung oder den Handelskrieg. Was neu sei: «Die Wissenschaft arbeitete erstmals im globalen Massstab zusammen, das gab es in diesem Tempo noch nie.» Auch Politik und Wirtschaft hätten sich an die Herausforderungen angepasst. «Einzig die Gesellschaft funktionierte nicht», so Gentinetta, «weil sie überfordert war mit der neuartigen Situation.» Und Teile der Gesellschaft hätten dann die Politik «als Buh-Frau» auserkoren.

Gentinetta forderte im nachfolgenden Podium auch Markus Dieth heraus, indem sie sagte: «Mich überraschte, wie schnell die Wirtschaft beim Staat anklopfte, wo sie sich doch sonst gerne liberal gibt.» Der Regierungsrat konterte und widersprach: «Es macht Sinn, einen Rucksack mit Fallschirm anzufordern. Aber meine Erfahrung zeigte, dass dieser in vielen Fällen gar nicht gebraucht wurde und dann auch wieder zurückgegeben wurde.» Man habe gut gearbeitet und viele Konkurse verhindern können, ist Dieth überzeugt.

Auch Nationalrätin Maja Riniker ist überzeugt, dass die Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft in weiten Teilen recht gut geklappt habe. In einem Postulat verlangt sie aber, dass künftig nicht der Bundesrat durch Krisen führen sollte, sondern diese Funktion an einen «Krisenmanager» delegieren kann.

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