«Wir haben neun Sorten Plastik im Darm»

Stefan Moellhausen benutzt Seife statt Duschgel, sein Gemüse baut er selbst an. Denn der Biochemiker weiss, wie Plastik den Körper vergiftet.

Sagt dem Plastik forschenderweise den Kampf an: Stefan Moellhausen (Bild: zVg)

19. Februar 2020
08:00

Stefan Georgios Moellhausen

ist Biochemiker und Direktor und Leiter «Labor & Wissenschaft» des Instituts für ganzheitliche Labordiagnostik (IGL) in Wittbek. Gegründet 2009, gehört das IGL als medizinisches Laboratorium in der prädiktiven Toxikologie und Epigenetik weltweit zu den führenden Spezialisten in einem Netzwerk sogenannter toxikologischer und epigenetischer Schwerpunktpraxen in Deutschland, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, Grossbritannien, den USA, Ägypten, Israel und Hongkong. www.igl-labor.de

Zweiteiliger Bluttest am Plastikexperiment

Zusammen mit Stefan Georgios Moellhausen laden die Verantwortlichen im Rahmen des Plastikexperiments Baden zum zweiteiligen Bluttest ein. Dabei können sich Interessierte die Blutwerte vor und nach dem Plastikverzicht messen lassen. Das Plastikexperiment Baden findet während des Monats März statt. Es hat zum Ziel, die Bevölkerung zu sensibilisieren und aufzuzeigen, wie einfach und wirkungsvoll Plastik zu reduzieren ist. Höhepunkte sind das Forum vom 6. März und der Ideen-Markt vom 7. März. Blutentnahmetermine und allgemeine Infos zum Plastikexperiment finden sich unter www.plastikexperiment.ch.

Stefan Georgios Moellhausen, wie kommt es, dass Plastik nicht mehr nur ausserhalb unseres Körpers zu finden ist, sondern gar durch unsere Adern fliesst?

Die Umstände, dass wir Plastik und Weichmacher in unserem Körper haben, an diesen Stoffen erkranken und dies schliesslich auch messbar machen können, sind so abenteuerlich wie spannend: Der Hauptteil kommt aus unserer Ernährung: Fisch, Muscheln, aber auch Grundwasser sowie gefiltertes Wasser aus den Kläranlagen. Ein zweiter grosser Eintrag kommt aus dem Strassenverkehr: Der Abrieb von Reifenmaterialien, gebunden mit Russ und Staub, gerät mit der Atmung in die Lungen, durch die Alveolen, die kleinsten Lungenkapillaren, in den Kreislauf und schliesslich in die Zelle. Auf dem gleichen Wege kommen übrigens bei Kindern in der Kita schon Weichmacher in den Körper. 

 

Wie denn das?

Staub wird mit dem Krabbeln auf dem Boden aufgewirbelt und eingeatmet. Hier ist der Abrieb oft durch Teppichböden, Fleece-Stoffe, Teddy-Bären und anderes verantwortet. Und dann gibts noch den dritten Weg, wie Plastik und Weichmacher in unseren Körper eindringen: über die Haut: Das grösste Organ nimmt enorm viele Mengen an Weichmachern auf, dies vor allem durch den Schweiss. Weichmacher sind ja enthalten in Kosmetika, Duschgels, Haarshampoos und medizinischen Cremes, aber auch in der Nahrung, in Folien, Spielzeugen und so weiter.

 

Wie genau gelangt denn Plastik in unser Blut?

Hier hinkt die Forschung zum Teil noch ein wenig hinterher. Wir wissen, dass Plastik, Mikroplastik, hauptsächlich mit der Nahrung aufgenommen wird. Weichmacher lösen sich zum Beispiel aus diesem Mikroplastik, können aber auch über die Haut und die Schleimhaut aufgenommen werden.

 

Haben wir, abgesehen von den Blutbahnen, im Körper sonst noch Plastik?

Eine ganze Menge, nämlich bis zu neun verschiedene Plastiksorten, im Darm! Mir persönlich machen aber die Weichmacher und andere Stoffe im Plastik oder Kunststoff mehr Sorgen, die bereits in die Zellen gelangen und dort auf der mitochondrialen DNA Schäden verursachen. Diese Schäden werden dann in die nächste Zellgeneration weitergegeben werden.

 

Die menschliche Natur ist ja, wie die Entwicklung zeigt, nicht zu unterschätzen. Denken Sie, unser Organismus kommt mit der Plastik-Anreicherung klar, oder ist und bleibt das Material für uns schädlich?

Plastik, Kunststoffe, Weichmacher: All dies hat in unserem Körper nichts verloren. Und nach den neuen epigenetischen Forschungen, wie wir sie auch bei uns im IGL Labor betreiben, zeigen sich deutliche Veränderungen an der mitochondrialen DNA und an den Zellen. Zudem verlieren wir mehr und mehr an «Widerstandskraft der Entgiftungsleistung», weil wir nicht nur mit diesen Stoffen alleine zu kämpfen haben, sondern mit einer Vielzahl an chemischen Stoffen, die beispielsweise aus der Landwirtschaft, dem Verkehr im Allgemeinen und dem Flugverkehr kommen.

 

Sie sprechen damit auch das «toxikologische Grundrauschen» in unserem Körper an. Welche Organe reagieren denn besonders sensibel auf Plastik?

Konkret reagieren auf Weichmacher vor allem die Keimdrüsen, die Hoden bei jungen Männern, und damit leidet die Spermienqualität. Fertilitätsprobleme stellen sich öfters ein. Auch der Metabolismus ist betroffen: Mehr und mehr Stoffwechselerkrankungen, wie Diabetes schon bei Jugendlichen, und Fettleibigkeit nehmen zu. Ebenso die Autoimmun-Erkrankungen der Schilddrüse, bis hin zum Krebs.

 

Nun planen Sie in Baden einen gross angelegten Bluttest. Was genau wollen Sie damit nachweisen?

Wir sind im Rahmen des Experimentes in Baden gefragt beziehungsweise beauftragt worden, diese Bluttests auf Weichmacher zu machen. Wir planen dies nicht direkt, geben aber unsere Expertise und unsere Erfahrungen gerne weiter und unterstützen die Menschen konkret vor Ort mit unserem Wissen.

 

Reichen denn wenige Wochen Verzicht auf Plastik, um unseren Organismus zu regenerieren?

Das kommt auf eine ganze Reihe vom Mit-Umständen an: Die Entgiftungsleistung zum Beispiel spielt eine Rolle, und auch der Fakt, welche Vorerkranken schon vorliegen. Ebenfalls spielen Alter und Geschlecht eine Rolle und viele andere Faktoren. Aber ja, in der Regel sehen wir zumindest bei extrem vielen Menschen, dass der Spiegel an zum Beispiel Weichmachern im Blut und in den Zellen nach einem «Plastik-Verzicht» deutlich abnimmt.

 

Gibt es Ihrer Vermutung nach Orte auf der Welt, an denen die Menschen noch ohne Plastik im Blut leben, oder das eine Illusion?

Das dürfte derzeit im 21. Jahrhundert eine Illusion sein, denn wenn Sie sich vergegenwärtigen, dass jeder Fisch, jede Muscheln, jede Auster, jede Alge betroffen ist beziehungsweise Mikroplastik und Weichmacher enthält, dann sind selbst indigene Völker davon zumindest in einem gewissen Masse betroffen.

 

Was können wir hier in Europa Ihrer Meinung nach tun, um unser Blut weitgehend plastikfrei zu halten?

Ich denke, wir brauchen eine neue Verpackungsindustrie, die so weit als möglich auf Mikroplastik, Kunststoffe allgemein und Weichmacher verzichtet. Und wir brauchen das starke Engagement der Bürgerinnen und Bürger, die unserer Politik klar aufzeigen, welchen Gefahren wir alle zusammen ausgesetzt sind. Das bedeutet, den Mut zu haben, den Schnabel aufzumachen, die Kraft, gegen den Mainstream zu laufen und frische, neue Ideen und Nachdenken für unsere Generation und diejenige nach uns. Nur so können wir mit einem Verzicht von heute eine plastikfreie oder zumindest nahezu plastikfreie Welt von morgen an unsere Kinder und Enkelkinder weitergeben. Die, so meine ich, werden es uns danken.

 

Haben die Ergebnisse der bisher erfolgten Plastik-Studien auch Ihren persönlichen Alltag geprägt?

Auf jeden Fall! Ich verzichte im Haushalt weitestgehend auf Kunststoffe, auf Folien sowieso, ich kaufe Shampoos in Seifenform und benutze generell nur noch Seifen, keine Duschgels. Ich habe einen Garten, in dem ich selber biologisch mein Gemüse anbaue. Natürlich weiss ich auch, dass bei uns in Deutschland kein Ackerboden mehr wirklich frei ist von Kunstoffen und Mikroplastik. Aber irgendwo muss man nun mal anfangen und ein wenig mehr tun, als bloss zu jammern.

 

Und was werden Sie in Zukunft noch tun?

Forschen!

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Kommentare (1)

  • Rita Staubli
    Rita Staubli
    am 19.02.2020
    Da bin ich wirklich froh, dass da jemand ist, der zu verzichten anfängt. Ja, kein Plastik - ich nehme ebenfallls Seife und Filletti-Seife zum Waschen. Sprossensamen esse ich täglich, selbst gezogen. Was ist mit den PET Flaschen? Ebenfalls Plastik.

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