«Wir müssen mehr Mut zeigen!»

Der Kulturkreis Würenlos lud zum Podium im Kloster Fahr. Im Fokus stand das Buch «Im Fahr – Klosterfrauen erzählen aus ihrem Leben».

Lebhafte Diskussion, v. l.: Diskussionsleiterin Christina Huppenbauer, Priorin Irene Gassmann und Fotograf Christoph Hammer
Lebhafte Diskussion, v. l.: Diskussionsleiterin Christina Huppenbauer, Priorin Irene Gassmann und Fotograf Christoph Hammer (Bilder: ce)

von
Claudio Eckmann

09. Oktober 2018
11:05

Speziell war schon die Diskussionsleiterin: Denn es war die reformierte Pfarrerin Christina Huppenbauer aus Baden, die das Podium über das katholische Kloster Fahr leitete. Und speziell war auch der Anlass: Ein Jahr lang haben Fotograf Christoph Hammer und Journalistin Susann Bosshard-Kälin die zwanzig Frauen und die Priorin Irene Gassmann des Klosters Fahr begleitet, haben die Lebensgeschichten zu Text gebracht und sie in unterschiedlichsten, sehr nahen, warmen und gefühlsvollen Porträts festgehalten. Vier Textauszüge, die zunächst am vergangenen Sonntagabend in der alten Kirche Würenlos vorgetragen wurden, zeigten die ganz unterschiedlichen Empfindungen, Erfahrungen, Biografien der zitierten Klosterfrauen. Da stehen Sätze wie: «Ich spüre eine Sehnsucht nach Gott.» neben «Jemand muss doch für die Welt beten!» oder dem Schlüsselerlebnis in einem Gottesdienst, als bei der Predigt die Worte fielen «Gott ruft Dich!». Schade, war die Journalistin wegen Auslandaufenthalts verhindert. Stellvertretend berichtete Priorin Gassmann, wie die Interviews zustandekamen, wie die Klosterfrauen beim Korrekturlesen diesen oder jenen Satz wieder hinausgestrichen haben – und wie sie, die Priorin, ihre Frauen ermuntert habe, die Sätze doch stehen zu lassen! Also quasi umgekehrte Zensur, was zu einiger Erheiterung im Publikum führte. Fotograf Christoph Hammer schilderte die spezielle Situation, ein ganzes Jahr lang eine ihm unbekannte Welt zu betreten, zu dokumentieren und dabei auch die für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Räume zu betreten.

Irene Gassmann und Christoph Hammer signieren die Bücher
Irene Gassmann und Christoph Hammer signieren die Bücher

 

Unerwartete Offenheit

Je weiter nun das Podiumsgespräch fortschritt, umso breiter wurde der Fächer der Themen. Nun ging es längst nicht mehr nur um den Fotoband oder die Texte, sondern um das  Kloster Fahr, die Religion, Frauen und Männer in der Kirche. Priorin Gassmann verblüffte mit unerwarteter Offenheit und verblüffenden Thesen, und das Publikum war spürbar immer mehr in Bann gezogen. Die Priorin zeigte sich, angesprochen auf die Zukunft der Klöster und die Zukunft des Nonnenlebens, offen für neue Formen: Klosterleben auf Zeit, Klosterleben in Teilzeit, oder Klosterleben nach den Benediktinerregeln aber ausserhalb des Klosters – also als sogenannte Oblatin. Ansichten, die das  Publikum in Staunen versetzte. 

Spannend war dann aber auch ihre Ergänzung, dass sie sich durchaus solche Neuerungen vorstellen könne, dass diese aber auch eine funktionierende konstante Struktur – also wohl doch ein Kloster – bedingen würden. Noch pointierter wurde Priorin Irene Gassmann zur Frage der Gleichberechtigung: Sie forderte ganz klar, dass auch Frauen die priesterlichen Aufgaben erlaubt sein müssten. Mit dieser Aussage, dem Aufruf zur Reform, erntete sie spontanen, lang andauernden Applaus. Und sie fügte hinzu: «Ich habe mich auf der Buchrückseite mit folgenden Worten zitieren lassen: ‹Sollten wir nicht mehr Mut zeigen?› – heute würde ich mich zitieren so lassen: ‹Ja, wir sollten mehr Mut zeigen!›»

Das Publikum hätte gerne noch lange weiterdiskutiert, doch nach anderthalb interessanten Stunden war man froh um den Apéro – natürlich mit Wein und Apfelsaft aus dem Kloster Fahr. Daneben konnte das Buch erworben und gleich signiert werden lassen. 

Siebzig Fotos – nicht ganz deckungs­gleich mit den Aufnahmen im Buch – sind im Klosterhof auf Plakatständern ausgestellt und können ganztags besichtigt werden. Der Klosterhof ist jederzeit zugänglich. Der Fotoband ist im Kloster Fahr, im Verlag «hier und jetzt» oder im Buchhandel erhältlich. 

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