«Wir sind auf dem richtigen Weg»

Im Bildungsnetzwerk Aargau Ost sind die beiden Regionen Baden und Brugg vereint. Was bringt das? Wir haben bei den Stadtoberhäuptern nachgefragt.

Barbara Horlacher, Frau Stadtammann Brugg (Bilder: zVg)

22. September 2021
21:23

Barbara Horlacher, Markus Schneider, wie haben Sie persönlich Ihre Schul-, Lehr- und Studienzeit in
Erinnerung?

Barbara Horlacher: Vorwiegend positiv. Ich war schon als Kind und junge Erwachsene neugierig und begeisterungsfähig. Das Lernen fiel mir leicht und hat mir auch entsprechend Freude gemacht. Ausserdem war ich in ein familiäres Umfeld eingebettet, das mich, wenn nötig, unterstützen konnte.

Markus Schneider: Diese habe ich in sehr guter Erinnerung. Ich denke da an viele Bekanntschaften und Erlebnisse mit Kolleginnen und Kollegen, welche natürlich aus der Studienzeit noch eher präsent sind als aus der Primarschule. Natürlich gab es auch schlechte Noten und Erfahrungen. Diese kann man aber mit steigendem Alter gut ausblenden.

Sind Sie der Meinung, dass Sie umfassend ausgebildet wurden? Inwiefern hätten Sie sich Ihre eigene «Bildung» anders oder mit anderen Schwerpunkten gewünscht?

Barbara Horlacher: Während meiner Schul- und Studienzeit habe ich eine breite Allgemeinbildung und solides Fachwissen für den Berufseinstieg mitbekommen. Dieses konnte ich später mit gezielten Weiterbildungen ergänzen, vertiefen und weiterentwickeln.

Markus Schneider: Ich bin der Meinung, dass unser Bildungssystem in der Schweiz sehr umfassend und gut ist. Auch die Durchlässigkeit des Bildungssystems wie auch die einzigartige Berufsbildung geniessen grosse Akzeptanz. Die heutige pädagogische Ausrichtung und die neuen Lernformen sind aus meiner Sicht eine Bereicherung im Bildungsalltag.

In welchen Situationen kommt Ihnen Ihre Bildung zugut?

Barbara Horlacher: Praktisch immer. Bei meiner täglichen Arbeit geht es darum, möglichst gut zu verstehen, was um mich herum vorgeht. Es gilt, Sachverhalte einzuordnen und die richtigen Fragen zu stellen, um mir ein eigenständiges Urteil zu bilden. Dabei bin ich dankbar, dass ich auf eine breite Allgemeinbildung und das Wissen, wo ich Informationen und Fachkenntnisse abholen kann, zurückgreifen kann.

Markus Schneider: Bildung ist für mich ein Gut, welches weit über die blosse Vermittlung von Fachwissen hinausgeht. Es geht auch um gemeinsame Erlebnisse, Rücksichtnahme, unterschiedliche Grundhaltungen und die Fähigkeit, zuzuhören und zu diskutieren. Dies sind alles Ansprüche, welche im späteren Berufsleben benötigt werden.

Inwiefern fühlen Sie sich durch Ihre Bildung privilegiert?

Barbara Horlacher: Privilegiert bin in der Schweiz heute ja nicht nur ich, sondern der grösste Teil der Bevölkerung. Wir haben ein sehr gutes, durchgängiges Bildungssystem, das allen offensteht und uns im «lebenslangen Lernen» unterstützt.

Markus Schneider: Leider ist es nicht allen Menschen vergönnt, in einem solchen Bildungssystem aufzuwachsen. Wir sollten uns dessen einfach immer wieder bewusst sein.

Markus Schneider, Stadtammann Baden

Welchen Stellenwert messen Sie dem Thema Bildung in Ihrer Tätigkeit als Frau Stadtammann, als Stadtammann bei?

Barbara Horlacher: Einen sehr hohen. Das Bildungssystem entscheidet massgeblich über unsere Lebenschancen. Nicht unsere Herkunft sollte darüber bestimmen, welche Berufe und gesellschaftlichen Positionen uns offenstehen, sondern individuelle Talente, Fähigkeiten und Leistungen. Massstab dafür ist vor allem der Bildungserfolg. Deshalb müssen wir unser Bildungssystem so gestalten, dass alle, unabhängig von ihrer Herkunft, tatsächlich die Chance auf eine gute Bildung bekommen.

Markus Schneider: Bildung hat einen sehr hohen Stellenwert. Bildung und Betreuung sind einerseits Standortfaktoren, welche attraktiv gehalten werden müssen. Andererseits ist die Bildung ein wichtiger Faktor für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft und sorgt dafür, dass auch künftig gut ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung stehen.

Was unternehmen Sie in Ihrer Stadt und Region, um Bildung zu fördern?

Barbara Horlacher: Aktuell stehen wir in Brugg vor der Aufgabe, unsere Schulinfrastruktur an steigende Schülerinnen- und Schülerzahlen und an neue pädagogische Konzepte anzupassen. Die Stadt Brugg ist Trägerin des Berufs- und Weiterbildungszentrum Brugg (BWZ) und setzt sich zusammen mit Windisch und Brugg Regio für eine Mittelschule in Brugg-Windisch ein. Aber auch mit der Unterstützung für unsere Musikschule, die einen ausgezeichneten Ruf weit über die Region hinaus geniesst, und für eine moderne Stadtbibliothek tragen wir zum ganzheitlichen und lebenslangen Lernen und damit zur Förderung der Bildung in unserer Region bei.

Markus Schneider: Zu Bildung gehören aus meiner Sicht auch die Betreuung und das frühkindliche Lernen. Wir fördern dies durch attraktive Schulanlagen, vielseitige Betreuungsangebote und erweitere Angebote für die frühe Kindheit. Die Vernetzung der verschiedenen Angebote auf allen Stufen ist uns wichtig.

Inwiefern umfasst für Sie Standortförderung auch den Bereich der Bildung?

Barbara Horlacher: Ich bin überzeugt, dass ein gutes Bildungsangebot wesentlich zur Attraktivität einer Gemeinde beiträgt. Im Bereich der Volksschule gilt dies insbesondere dann, wenn es kombiniert mit zeitgemässen Tagesstrukturen nicht nur zur Bildungsgerechtigkeit, sondern auch zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie beiträgt. Ein gutes Bildungsangebot ist auch für Unternehmen von Vorteil, indem es dazu beiträgt, dass ihnen genügend Fachkräfte zur Verfügung stehen.

Markus Schneider: Ein gutes und umfassendes Bildungsangebot ist ein Standortfaktor. Diesem gilt es, Sorge zu tragen. Ein wichtiger Faktor dabei ist auch unsere Tagesschule mit neu auch dem Angebot in Rütihof als zweites Standbein und dem Angebot eines Tageskindergartens. Die englischsprachige Schule fehlt in der Region noch als Angebot. Daran arbeitet im nächsten Jahr der Planungsverband Baden Regio.

Wie aktiv können Sie in Ihrer Funktion den Bereich der Bildung mitgestalten? Besteht diesbezüglich überhaupt «Gestaltungsspielraum»?

Barbara Horlacher: Die Aufgabe der Politik sehe ich in erster Linie darin, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die verschiedenen Bildungsinstitutionen ihren Auftrag möglichst gut wahrnehmen können. Neben der Zurverfügungsstellung von Schulraum und Ressourcen bedeutet das insbesondere auch, Möglichkeiten für Austausch und Zusammenarbeit zu schaffen – stufen- und branchenübergreifend und zwischen Bildung, Wirtschaft, Forschung und Politik, so wie es das das Bildungsnetzwerk Aargau Ost tut.

Markus Schneider: Mitgestalten können wir von Seite Stadtrat vor allem in den Strategien, der Ausgestaltung der Angebote und durch die zur Verfügung gestellten Ressourcen. Innovative Entwicklungen, wie zum Beispiel die Sekundarstufe unter einem Dach (Burghalde) sind Zeichen von aktiver Mitgestaltung, wie auch das Bildungsnetzwerk.

Zu diesem Bildungsnetzwerk Aargau Ost haben sich Brugg und Baden zusammengeschlossen. Warum das – ansonsten sind Brugg und Baden ja eher zwei verschiedene Welten?

Barbara Horlacher: Mit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Paul Scherrer Institut (PSI), BWZ, Z.B. Wirtschaftsschule, Berufsfachschule Gesundheit und Soziales (BfGS) und Organisation der Arbeitswelt (OdA) Gesundheit und Soziales sind in der Region Brugg verschiedene wichtige Bildungsinstitutionen ansässig. Ihre Angebote ergänzen sich hervorragend mit denjenigen der Region Baden, sowohl, was die Stufen, als auch, was die Diversität der Branchen betrifft.

Markus Schneider: Bildung macht nicht an Gemeindegrenzen halt. Die Vernetzung von verschiedenen Anbietern und Regionen ist sehr wichtig. Dieser Ansatz steht eben gerade für Innovation und Gestaltung.

Hat Ihnen diese Kooperation bis jetzt etwas gebracht? Wenn ja, was?

Barbara Horlacher: Um diese Frage zu beantworten, ist es noch zu früh. Die Stadt Brugg ist erst seit ein paar Monaten Mitglied beim Bildungsnetzwerk Aargau Ost. Dass sich in diesem auch das BWZ und die FHNW, zwei wichtige Bildungsanbieterinnen der Region Brugg, engagieren, sowie erste, durchwegs positive Reaktionen von Vertreterinnen und Vertretern aus der Wirtschaft zeigen uns aber, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Markus Schneider: Verschiedene Projekte haben aus unserer Sicht Mehrwert gebracht. So zum Beispiel der tagesaktuelle Stellenmarkt oder das jüngste Kind, der Future Booster.

Welchen Mehrwert versprechen Sie sich darüber hinaus zukünftig vom Bildungsnetzwerk?

Barbara Horlacher: Das Bildungsnetzwerk stärkt den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft, Bildung und Forschung in den Regionen Baden und Brugg. Das ist ein Gewinn für die Menschen und die Wirtschaft in beiden Regionen. Ausserdem bin ich überzeugt, dass uns das Bildungsnetzwerk bei der Vertretung regionaler Interessen betreffend Bildung, Beruf und Arbeitsmarkt gegenüber Kanton und Bund unterstützt. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Engagement des Bildungsnetzwerks für eine neue Kantonsschule am Standort Brugg-Windisch.

Markus Schneider: Durch die Vernetzung von Wirtschaft, Forschung, Politik und Bildung werden die Bildungs- und Wirtschaftsstandorte gestärkt. Der stetige Austausch wird
Synergien bringen und sich bereichernd auf die Angebote auswirken. Dies wird das Fachkräftepotenzial am Standort nachhaltig stärken.

Welches sind die grossen Themen, die aktuell und in Zukunft im Bereich Bildung angegangen werden müssen?

Barbara Horlacher: Der Bildungsbericht Schweiz 2018 nennt den digitalen Wandel und die Migration als wichtigste Herausforderungen im Bildungswesen. Diese Fragen beschäftigen uns auch auf lokaler Ebene.

Markus Schneider: Bildung, Wirtschaft und Forschung entwickeln sich immer weiter. Es ist herausfordernd und wird es auch bleiben, wie die Weiterentwicklungen in der Bildung zu berücksichtigen sind, damit die nächste Generation gut auf die Herausforderungen vorbereitet ist.

Welches sind Ihre Erwartungen ans Bildungsnetzwerk: Sollen weitere Gemeinden und Institutionen dazukommen? Wie umfassend soll es werden?

Barbara Horlacher: Je breiter die Mitgliederbasis, desto grösser werden auch Wirkung und Schlagkraft des Bildungsnetzwerks. Die Mitgliederakquisition ist deshalb ein wichtiger Teil von dessen Leistungsauftrag.

Markus Schneider: Ein Netzwerk muss aus meiner Sicht möglichst breit aufgestellt sein. Daher ist es durchaus sinnvoll, noch weitere ergänzende oder fehlende Angebote aufzunehmen und weitere Gemeinden zum Mitmachen zu animieren.

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