«Wir stehen am Wendepunkt»

Historiker, Verleger und Bäderverein-Vizepräsident Bruno Meier über einen jahrtausendealten Spirit, der mit dem Botta-Bad wieder aufblühen soll.

Historiker Bruno Meier – hier im Atrium-Hotel Blume – will der Bäderkultur Badens zu neuer Blüte verhelfen. (Bild: ub)

11. November 2020
16:33

Während das bei Ausgrabungsarbeiten entdeckte alte Verenabad bereits wieder unter dem Boden ist und damit für die Zukunft erhalten bleibt, klafft auf der anderen Seite des Kurplatzes Baden ein riesiges Loch. Bruno Meier, der sich hier zum Interview eingefunden hat, zeigt auf die rotbraunen Kacheln: «Das war das rund 2000 Jahre alte Freibad. Leider muss es teilweise zerstört werden und neuen Schächten und Leitungen Platz machen», erklärt der Historiker und Leiter des Verlags «Hier und Jetzt». Zielkonflikte mit Bauleuten und der Hinterlassenschaft, wie sie vor Ort stattfinden, seien nicht selten, bekundet er pragmatisch. Er setzt sich jedoch für eine gründliche Aufarbeitung der Vergangenheit ein.


Ein bis zwei Generationen braucht es
Das im Werden begriffene Thermalbad «Fortyseven» und die damit verbundenen archäologischen Funde seien ein Jahrhundertereignis, meint Meier. «Die grossen Zeiten des Kurorts Baden liegen weit zurück. Jahrzehntelang ging es nur noch bergab. Wir stehen an einem Wendepunkt und hoffen alle, dass wir wieder an die Blütezeiten vor rund 150 Jahren anknüpfen können», erzählt er.
Thermalbäder gäbe es in der Schweiz und Europa eigentlich genug. «Aber nur Baden kann auf eine 2000-jährige Geschichte als Badeort zurückblicken und hebt sich damit von allen anderen Orten ab.» Die Stadt habe sich lange Zeit entfremdet von ihren Bädern. «Der Spirit, der Anfang des 20. Jahrhunderts noch vorhanden war, ist aus den Köpfen der Leute gewichen. Man verdiente das Geld später in der BBC und nicht mehr in den Hotels rund um die Thermalquellen. Es wird wohl eine bis zwei Generationen dauern, bis Baden wieder die Anerkennung als Badeort erreicht, mit der es sich einst einen Namen gemacht hat.» Das «Begreifen» von Orten und ihrer Geschichte erachtet Meier als enorm wichtig. «Der Ursprung von Baden und der Grund, warum die Stadt heute überhaupt existiert, sind die Quellen und Bäder. Sie machten den Ort weit über die Grenzen hinaus bekannt. Darauf können wir stolz sein.»

Das Interview findet im Atriumhotel Blume mit direktem Blick auf die Ausgrabungsarbeiten am Kurplatz statt. «Dieses Hotel und der später sanierte Limmathof halten als Einzige noch die Fahne hoch für den Bäderbetrieb. Die Wiederbelebung mit dem neuen Thermalbad ‹Fortyseven› soll künftig 300 000 Leute pro Jahr nach Baden bringen. Wie das die Stadt verändert, wissen wir noch nicht», sagt Bruno Meier. Er zeigt sich vorsichtig optimistisch. «Es ist ein Experiment für alle – und wir hoffen, dass es gut herauskommt.»


Vom Museumsleiter zum Buchverleger
Die Vergangenheit interessierte Bruno Meier schon, als er die Kanti Baden besuchte. Nach seinem Studienabschluss in Geschichte und Kommunikationswissenschaften arbeitete er zwei Jahre für ein Projekt des Landesmuseums Zürich. Ende 1990 wurde er mit gerade mal 28 zum Leiter des Historischen Museum Baden erkoren. «Der Neubau war mitten im Gange, und es war phantastisch, ein komplett neues Konzept aus dem Boden zu stampfen. Ich habe dank diesem Job alles gelernt, was ich für die Führung eines eigenständigen Unternehmens brauche.»

Den Traum der Selbständigkeit erfüllte er sich sieben Jahre später und gründete mit zwei Partnern den Buchverlag «Hier und Jetzt», den er heute gemeinsam mit der Historikerin
Denise Schmid leitet. Mittlerweile hat er mit seinem Team über 600 Werke herausgebracht. Rund ein halbes Dutzend Monografien stammen aus seiner eigenen Feder. Bei vielen Büchern schrieb er als Co-Autor mit. 2015 gab er zusammen mit Andrea Schaer, Fabian Furter und Ruth Wiederkehr die «Stadtgeschichte Baden» heraus. Der nüchtern und unscheinbar wirkende Mann ist eine wandelnde Enzyklopädie und weiss praktisch alles über die Historie der Limmatstadt.

Als gebürtiger Wettinger wohnt er mit seiner Lebensgefährtin seit Langem an der Badener Niklausstiege und schwärmt über seine privilegierte Wohnlage. Er bezeichnet sich als Leseratte mit wenigen Hobbys. Zum Ausgleich durchwandert er gerne die umliegende Natur.


Jungbrunnen für alle
Seit zwei Jahren ist Bruno Meier Vize-Präsident des von Pius Graf geleiteten Bädervereins Baden. «Lange waren in den Bädern nur Einzelkämpfer am Werk. Deshalb waren die Verhandlungen zäh, und es gab keinen Fortschritt. Wir bieten ein Netzwerk und versuchen alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen, um die Wiederbelebung der Bäder mit ihren Neubauten zu fördern.» Der Bäderverein betreut das Projekt «Jungbrunnen». Die alte Hinterhofquelle im Hotel Bären soll künftig in einer Neuinszenierung für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Zudem sollen in den neuen Bädern im Zweijahresturnus zeitgenössische künstlerische Interventionen stattfinden. Mit Andrea Schaer will Meier des Weiteren einen handlichen Reiseführer für zukünftige Touristinnen und Touristen kreieren, vollgepackt mit spannenden Infos zur Vergangenheit und Gegenwart der Bäder von Baden.

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