«Wir versuchen, am Ball zu bleiben»

Roland Leupi ist noch keine sechzig Jahre alt – und präsidiert den Seniorenrat. Zum 10-Jahr-Jubiläum erzählt er, was ihn an diesem Amt fasziniert.

Präsident Roland Leupi vor dem Brugger Jugendhaus Picadilly: «Der Seniorenrat ist für ältere Menschen sowas, wie es das Pic für uns Jugendliche damals war.» (Bild: aru)

von
Annegret Ruoff

08. Oktober 2019
18:00

10 Jahre Seniorenrat Brugg

2008 wurde das Altersleitbild der Stadt Brugg erarbeitet. In dessen Folge wurde 2009 unter dem Namen Seniorenrat eine entsprechende Freiwilligenorganisation gegründet. Heute zählt der Seniorenrat rund 550 Mitglieder. Er bietet Menschen über 60 Jahren eine vielfältige Palette von Aktivitäten und niederschwelligen Angeboten an. 

 

 

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Roland Leupi, in Ihrem Alter zählen Sie noch nicht zum Zielpublikum des Seniorenrats. Was um Himmels Willen hat Sie motiviert, das Amt des Präsidenten anzunehmen?

Ich bin tatsächlich noch keine sechzig Jahre alt (lacht). Als man mich vor fünf Jahren anfragte, ob ich den Seniorenrat präsidieren möchte – ich war damals gerade als Feuerwehrkommandant zurückgetreten und der Seniorenrat bezüglich Nachfolge in einer schwierigen Situation –, dachte ich zuerst: Das liegt jetzt nicht gerade in meinem Interessengebiet! Aber dann habe ich es mir überlegt. Und weil ich die Sache spannend fand, habe ich zugesagt. 

 

Und jetzt, fünf Jahre später: Was haben Sie von diesem Amt?

Die Arbeit mit Menschen ist für mich ein toller Ausgleich zu meinem Beruf als Softwareingenieur. Und die Zeit arbeitet für mich – bald werde ich auch im Seniorenalter sein. So gesehen, bietet das Amt als Präsident doch hervorragende Perspektiven!

 

Sie haben vorgesorgt fürs Alter?

Das wohl nicht. Aber ich mache mir Gedanken. Oft verdrängt man ja alles, was mit Alter, Gebrechlichkeit und Tod zu tun hat. In meinem Amt kann und muss ich mich diesen Themen stellen. Und ich darf sagen: Je mehr ich mit Senioren zu tun habe, desto mehr verändert sich auch mein Bild von ihnen – und zwar im positiven Sinn.

 

Weshalb braucht es in unserer Gesellschaft sowas wie den Seniorenrat?

Da spielen verschiedene Dinge zusammen. Zum einen unterschiedliche Lebensformen. Früher lebte eine Familie zusammen unter einem Dach, und alles war irgendwie geregelt. Heute wohnen Senioren meist allein, allenfalls noch mit ihrem Partner zusammen. Aber dieser lebt auch nicht ewig! Und was dann? Das mag jetzt makaber klingen, aber es ist die Realität. Im Alter besteht eine gewisse Gefahr von Vereinsamung. 

Zum andern sind sich viele Senioren nicht gewohnt, ihre Rechte wahrzunehmen. Sie haben, von früher her, zum Beispiel einen viel stärkeren Glauben an Obrigkeiten. In all diesen Bereichen bildet der Seniorenrat eine hilfreiche und unterstützende Gemeinschaft. 

 

Gibts auch eine politische Komponente?

Der Seniorenrat ist prinzipiell politisch neutral. Ausnahmen würden wir bei Themen machen, die explizit Senioren betreffen. Diese Abgrenzung ist nicht immer einfach, zumal von aus-sen eine Tendenz besteht, den Seniorenrat für sich zu vereinnahmen. Das hat man bei der Diskussion um Tempo 30 sehr gut gesehen. Da kamen beide Parteien auf uns zu und baten uns um Unterstützung – mit dem Argument, ihre Sichtweise bringe den Senioren doch was. In solchen Fällen ist wichtig, dass wir uns zurückhalten. Das tun wir auch jetzt, bei den Wahlen. Wir raten unseren Mitgliedern allenfalls: Geht wählen! Aber wen oder was, ist ihre Sache.

 

Im Alter – Sie haben es erwähnt – wird Einsamkeit zum Thema. Ist der Seniorenrat ein Club für Einsame?

Nein. Aber er bildet ein Gefäss, das es einem leichter macht, die Einsamkeit zu überwinden. Wir haben indessen viele Mitglieder, die sich überhaupt nicht einsam fühlen. Bei uns kann man ganz einfach etwas zusammen unternehmen und Spass dabei haben.

 

Was kann man denn unternehmen?

Grossen Andrang hat etwa die Gruppe Silberfisch. Da treffen sich im Sommer wöchentlich Seniorinnen und Senioren zum gemeinsamen Schwimmen – ein lockeres Freizeitangebot also, das ganz spontan zustande gekommen ist und sichtlich Erfolg hat.  

 

Und was zieht sonst noch?

Momentan sind es die Tagesausflüge, rund vier im Jahr, wo wir irgendwohin fahren – der letzte führte zum Beispiel nach Appenzell. Der Ausflug, der jeweils am besten gebucht ist, führt im Mai ins Elsass oder ins Badische zum Spargelessen. Auch Info-
anlässe sind beliebt, gerade zu Themen wie «Wohnformen im Alter», «Tod und Finanzen» oder «Internetsicherheit». Die Digitalisierung ist überhaupt ein grosses Thema für Senioren. Da wollen wir eine Brücke bilden mit niederschwelligen Infoangeboten. Denn viele Senioren haben Angst, einen obligaten Kurs zu besuchen.

 

Warum denn das?

Sie fürchten, dass sie nichts verstehen. Deshalb ist es wichtig, eine verständliche und zugängliche Art von Kommunikation zu finden. Wir haben zum Beispiel Kurse organisiert, wo es ganz einfach darum ging: Wie löse ich mein Zugticket am Automaten? Oder mit dem Handy?

 

Das klingt nach simpler Unterstützung im Alltag. 

Exakt. Dazu gehört etwa auch unser Pool an Freiwilligen, die kleine Handreichungen oder Fahrdienste anbieten. Das sind ganz einfache Sachen wie eine Glühbirne auszuwechseln. Es geht um eine Art Nachbarschaftshilfe. Wir wollen auf keinen Fall irgendwelche Handwerker konkurrenzieren. Diese Dienstleistung bieten wir zusammen mit der Koordinationsstelle Alter Region Brugg an.

 

Gehen Sie viele Kooperationen ein?

Wir sind in gutem Austausch mit vielen Organisationen der Region, die Ähnliches anbieten wie wir. Dazu gehören etwa das «Forum 60 plus», die Kirchen, Entlastungsdienste oder die Palliative Care. Die gegenseitige Information ist wichtig, weil wir nicht alle dasselbe anbieten wollen und uns entsprechend abgrenzen müssen.

 

Was bieten Sie denn, was andere nicht haben?

Wir sind spezialisiert auf niederschwellige Angebote und unterscheiden uns damit von professionellen Angeboten wie der Spitex. Wir versuchen, in der Grauzone der sozialen Kontakte zu bleiben. Wichtig ist uns auch, dass die meisten unserer Angebote kostenlos sind. 

 

Wie finanzieren Sie sich denn?

Über die Mitgliederbeiträge. Eine Jahresmitgliedschaft kostet 25 Franken, und bei rund 550 Mitgliedern kommt da doch etwas zusammen. 

 

Was sind, von der Altersgruppe her gedacht, die grössten Bedürfnisse?

Die Umfrage, die wir unter den Brugger Senioren machten, hat gezeigt, dass am meisten Themen wie Sicherheit interessieren. Damit ist zum einen die mechanische Sicherheit gemeint. Das bedeutet zum Beispiel, Stolperpfade anzupassen. Gemeint ist aber auch die gefühlte Sicherheit. Das betrifft zum Beispiel die Bänke beim Friedhof. Da halten sich oft Jugendliche auf. Sie sind kaum eine reale Bedrohung, aber die älteren Menschen fühlen sich dort nicht mehr sicher. Dann betrifft es auch solche Dinge wie die Pflästerung in der Altstadt. 

 

Schön und gut. Aber unternimmt denn der Seniorenrat auch konkrete Schritte?

Wir entscheiden punktuell. Aber es wäre naiv zu glauben, dass wir zum Beispiel bezüglich baulicher Massnahmen viel bewirken könnten. Oft deponieren wir unsere Anliegen beim Stadtrat. Aber man darf nicht blauäugig sein und denken: Morgen ist das alles umgesetzt.

 

Ihre Meinung hat aber Gewicht. Die Senioren sind schliesslich ein grosser Teil der Gesellschaft.

In Brugg sind rund 30 Prozent der Bevölkerung über sechzig Jahre alt. Diese Zahl wird zunehmen. In Brugg beträgt der Kreis der Senioren etwa 3000 Menschen. Und jeder sechste ist bei uns Mitglied. Das ist doch gar nicht so schlecht, oder?

 

Ist die Stadt Brugg ein guter Ort für Senioren?

Ich denke schon. Es gibt viele Aktivitäten, die es für Senioren einfacher machen. Wir haben hier eine tolle ÖV-Abdeckung, es gibt genügend Haltestellen und gute Fahrzeiten. Je kürzer die Distanzen, desto einfacher ist es für Senioren, sich zu bewegen. 

 

Inwiefern haben Sie persönlich von Ihrer Arbeit für den Seniorenrat profitiert?

Ich habe tolle Leute kennengelernt. Unter anderem habe ich mit Lehrern zu tun, die mich in der Bez unterrichtet haben. Zudem habe ich mich mit verschiedenen Themen befasst und dabei andere Denkweisen kennengelernt. Heute weiss ich: Was man als normal empfindet, hat stark mit der Zeit zu tun, in der man aufgewachsen ist. Die Arbeit beim Seniorenrat hat mich offener gemacht. Ich sehe jetzt Aspekte, die ich vorher nicht angeschaut habe. 

 

Wohin bewegt sich der Seniorenrat in Zukunft?

Wir wollen am Ball bleiben und stets von Neuem schauen: Welches sind die aktuellen Bedürfnisse, und was wollen wir anbieten?

 

Und wenn Sie dereinst selbst pensioniert werden: Worauf freuen Sie sich?

Auf viele Freiheiten und Zeit. Ich möchte endlich Zeit haben für Dinge, die völlig unsinnig sind. Einen Tag lang in den Liegestuhl liegen und dabei kein schlechtes Gewissen haben, zum Beispiel. Ich habe viele Interessen und bin ein neugieriger Mensch. Deshalb kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich nach meiner Pensionierung in ein Loch falle. 

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