Wohin gehört Schneisingen?

Schneisingen strebt einen Zusammenschluss mit Nachbargemeinden an. Die goutierten das Vorgehen nicht, sind aber offen für Gespräche.

Adrian Baumgartner (44) wurde 2013 zum Nachfolger von Claudia Graf gewählt. (Bild: is)

09. Juni 2021
17:26

Die geografische Lage von Schneisingen ist speziell: Das 1500-Einwohner-Dorf liegt an der Pforte zum Surb- und Wehntal sowie zum Studenland. «Aus der Bevölkerung kommt immer wieder mal die Frage, wohin Schneisingen eigentlich gehört», sagt Gemeindeammann Adrian Baumgartner. Politisch gehört das Dorf mit den berühmten Alpenrosen zum Bezirk Zurzach, regionale Zusammenarbeit pflegt es auch mit Surbtaler Gemeinden und dem Studenland, etwa im Forstamt. «Bisher waren wir allerdings eher zurückhaltend in Sachen Zusammenschluss», erkärt Baumgartner. Ende Mai verkündete Schneisingen dann aber plötzlich, dass man den Zusammenschluss mit einer oder mehreren Nachbargemeinden prüfen und im Herbst Gespräche mit den anderen Behörden aufnehmen werde.

Das Vorgehen überraschte die betreffenden Gemeinden Ehrendingen, Freienwil, Lengnau, Endingen, Tegerfelden und Siglistorf, die ganz kurzfristig zuvor informiert wurden. «Wir hätten uns einen anderen und vor allem koordinierteren zeitlichen Ablauf gewünscht», sagt Endingens Gemeindeammann Ralf Werder stellvertretend für die drei Gemeinden von «Perspektive Surbtal», Endingen, Lengnau und Tegerfelden, die ihrerseits ab der neuen Legislaturperiode das Thema Fusion auf der Agenda haben wollen. Schliesslich habe man bereits im Herbst 2020 kommuniziert, dass vor dem 1. Januar 2022 keine Vorentscheide zum Thema Fusion gefällt werden. Auch Freienwils Ammann Robert Müller findet: «So etwas bespricht man zuerst einmal mit den anderen Gemeinden, bevor man an die Öffentlichkeit geht.»


Selber überrascht

Adrian Baumgartner ist bewusst, dass der Zeitpunkt der Bekanntmachung für die sechs Gemeinden überraschend war. Der Schneisinger Gemeinderat habe sich bereits an einem Workshop im März mit Unterstützung eines Moderators intensiv mit dem Thema Zusammenschluss befasst. «Dabei haben wir festgestellt, dass unsere Gemeinde zwar grundsätzlich solid aufgestellt ist. Betrachtet man jedoch die absehbaren langfristigen Herausforderungen auf kommunaler Ebene, könnte sich dies auch schnell ändern.»

Das Ergebnis habe sie selbst überrascht, so Baumgartner: «Wir fragten uns: Warum nicht jetzt aktiv werden? Wir wollen einfach nicht eine Chance verpassen und das Thema früh genug angehen. Die Diskussionen sollen ergebnisoffen und ohne Zeitdruck geführt werden.» Und er betont, Schneisingen habe im Wissen gehandelt, dass sich «Perspektive Surbtal» mit einer Fusion beschäftige und die Wahlen anstehen: «Allerdings waren wir im Frühling davon ausgegangen, dass nur in Lengnau ein neuer Ammann kommen wird.» Mittlerweile ist bekannt, dass diese Schlüsselposition auch in Ehrendingen (Urs Burkhard) und Siglistorf (Stefan Schuhmacher) ab 2022 neu besetzt wird. 

Für die betreffenden Gemeinden ist dies ein entscheidender Punkt. «Unseres Erachtens sollen diejenigen Personen darüber entscheiden, was dem Souverän vorgelegt wird, die dann auch die Entscheide umsetzen müssen», so Ralf Werder. Deshalb soll man zwingend die Gesamterneuerungswahlen abwarten. Dass Schneisingen nun einen Zusammenschluss prüfen wolle, zeuge aber «von Einsicht und einer Neuausrichtung», so Werder. Die Surbtaler Gemeinden hätten Schneisingen in den vergangenen Jahren mehrmals die Möglichkeit geboten, an ihrer Zusammenarbeit zu partizipieren, diese habe sich jedoch immer dagegen entschieden.


Erstes Treffen im August

Adrian Baumgartner hat seine sechs Amtskollegen mittlerweile zu einem ersten Treffen im August eingeladen. «Ich hoffe, dass alle kommen und wir eine ehrliche und offene Diskussion führen können», so der Schneisinger.

Trotz der leichten Verstimmung über das Vorpreschen signalisieren die sechs Nachbargemeinden Gesprächsbereitschaft. Ehrendingens Urs Burkhard bestätigt, dass er am Treffen teilnehmen werde. «Auch die Surbtaler Gemeinden sind offen für einen überregionalen Austausch und verschiedene Denkmodelle ab dem kommenden Jahr», ergänzt Werder. Siglistorf will die Tür ebenfalls nicht ganz zuschlagen – obwohl man dort nicht vergessen hat, dass die Schneisinger 2006 eine Fusion abgelehnt hatten, wie Ammann Schuhmacher gegenüber der «Aargauer Zeitung» antönte.

Robert Müller will die Einladung ebenfalls annehmen, weist jedoch darauf hin, «dass wir in Freienwil eine andere Strategie haben, eine ähnliche wie Lengnau: Wir suchen den Weg der technischen Zusammenarbeit dort, wo es Sinn macht und wo man Kosten sparen kann.» Das habe sich etwa bei der Zusammenlegung des Steueramts mit Ehrendingen bewährt. «Und wenn Fusion, dann müssten wir in Richtung Baden gehen, denn wir gehören zum Bezirk Baden», findet Müller.

Und Ehrendingen, das ebenfalls im Bezirk Baden liegt, aber seit 2021 die gemeinsame Bauverwaltung in der BPU Regio Surb zusammengeführt hat? Urs Burkhard erklärt, die Gemeinde Ehrendingen sei offen für Zusammenarbeit, «sei dies im Surbtal oder im Limmattal. Wir sind auch bei der Modellstadt Baden dabei. Wir können uns einbringen und von diesen Gesprächen profitieren.» Zusammenschlüsse seien in Ehrendingen aktuell aber weniger ein Thema.

Für Adrian Baumgartner ist auch denkbar, dass man nur gemeinsame Projekte realisiert. Im Fall eines Zusammenschlusses sollen aber alle Gemeinden ihre Identität behalten, ähnlich wie in der Grossgemeinde Zurzach, in der die acht Teilgemeinden ihren Namen und ihr Gemeindewappen weiter benutzen. Baumgartner: «Es soll auf jeden Fall ein Zusammenschluss sein, von dem jeder etwas hat.»

Wie geht es nun weiter? Nach dem ersten Gespräch unter Ammännern im August können diese das Thema in ihren Gemeinderäten besprechen. Darauf folgt ein Beschluss, ob eine Gemeinde das Projekt konkret angehen und prüfen möchte, also einen Projektierungskredit an ihrer Gemeindeversammlung beantragen wird. «Wenn eine Gemeinde Geld für diese Idee ausgeben will, würde das schon einen ersten Anhaltspunkt liefern, ob man ernsthaft interessiert ist», so Baumgartner. «Aber am Ende hat immer das Volk das letzte Wort.»

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