Youtubekanal statt alte Turnhalle

Weil die Gemeindeversammlung wegen Corona nicht durchgeführt wird, stellte die Endinger Exekutive ihre Traktanden live in einer Online-Sendung vor. Produziert wurde in den Avarel Studios in Würenlingen.

Gemeinderat Andreas Meier moderierte im Studio 2 die Sendung. (Bilder: is)

04. Dezember 2020
15:27

Im Sitzungszimmer der Avarel Studios haben sich für einmal keine Werbekunden, sondern die fünf Endinger Gemeinderäte und der Gemeindeschreiber versammelt. Eine gute Stunde noch, bis die Aufzeichnung für den Livestream beginnt. Ein Pilotprojekt – auch für die Crew der Avarel Studios aus Würenlingen, das auf TV-Produktionen für den Onlinebereich spezialisiert ist. Für die Exekutivmitglieder aus Endingen hingegen ist das weitgehend Neuland, und langsam kommt Nervosität auf.

Auf einem grossen Bildschirm ist das Standbild des Youtube-Kanals der Gemeinde eingeblendet. Zehn Interessierte haben sich lange vor Sendestart mittels eines Links eingeloggt. Gespannt beobachten Gemeindeammann Ralf Werder, Vizeammann Rebecca Spirig sowie die Gemeinderäte Gerhard Schneider und Esther Weiss-Knecht sowie Gemeindeschreiber Daniel Müller, wie die Zahl der Eingewählten langsam steigt. «Ein bisschen Nervosität muss sein», gibt Rebecca Spirig zu, als Avarel-Produktionsleiter Ronny Tschanz von Avarel den Raum betritt und verkündet: «Noch vier Minuten!» Dann ermahnt er die Anwesenden nochmals, sich nicht von Versprechern irritieren zu lassen: «Wenn ihr den Faden verliert, lasst euch nichts anmerken und fahrt einfach weiter!» 

Aufgrund der Covid-19-Situation hat der Gemeinderat auf die Durchführung der Budget-Gemeinde vom 20. November verzichtet und führt am 13. Dezember eine Urnenabstimmung durch. «Damit sich die Stimmberechtigten im Vorfeld bestmöglich über die Abstimmungsvorlagen informieren können, präsentieren wir die Traktanden persönlich in zwei Livestreams», erklärt Ammann Ralf Werder. Er hat für die 40 Minuten dauernde Aufzeichnung ein minutiöses Drehbuch erstellt, in dem die Redezeit der einzelnen Gemeinderäte sekundengenau festgehalten ist. «Auch der Text musste vorher wortgenau formuliert werden – kein Freestyle im Livestream», sagt Werder und lacht. Dann begibt er sich ins Studio 1 hinüber und bereitet sich am Rednerpult auf seinen ersten Auftritt vor. Im Studio 2 nimmt derweil Andreas Meier auf dem beigen Sofa Platz. Er hat an diesem Mittwochabend den Part des Moderators, der zwischen den einzelnen Auftritten die Überleitung macht.

 

 

  • «Guete-n-Obig mitenand»: Gemeindeammann Ralf Werder begrüsst die Online-Zuschauerinnen und Zuschauer vor der Endinger Fahne
  • Im Regieraum überwacht David Henzmann, Inhaber der Avarel Studios, die ganze Produktion mit seinem Team
  • Gemeinderat Gerhard Schneider stellt den Antrag zur überregionalen Schulsozialarbeit Surbtal vor.
  • Gemeinderätin Esther Weiss-Knecht informiert über Investitionen im Tiefbau. Produktionsleiter Ronny Tschanz von den Avarel Studios in Würenlingen überwacht die Technik
  • Vizeammann Rebecca Spirig meistert ihren Auftritt souverän. Sie erläutert das überarbeitete Bestattungs- und Friedhofreglement
  • Im Sitzungszimmer beantwortet Gemeindeschreiber Daniel Müller (rechts) die Fragen der Bevölkerung im Live-Chat. Gemeindeammann Ralf Werder wartet auf seinen nächsten Einsatz

 

«Besch bereit, Geri?»
Ein fünfköpfiges Team von Avarel Studios kümmert sich um den reibungslosen technischen Ablauf. «Noch eine Minute zehn», mahnt Ronny Tschanz. Die letzten Sekunden zählt er im Countdown runter. Vier – drei – zwei – eins, dann gibt er Ralf Werder das Zeichen: Es kann losgehen! 

«Guete-n-Obig, liebi Ändigerinne und liebi Ändiger, werti Surbtaler», begrüsst der Ammann die Zuschauenden daheim. Er erklärt, warum der Gemeinderat neue Wege geht, um trotz der widrigen Umstände die Bevölkerung adäquat über die traktandierten Themen zu informieren. Dann geht es zu den Traktanden, «live und ohne Werbeunterbrechungen», scherzt Werder in die Endinger Stuben, bevor Ratskollege Gerhard Schneider startet. «Besch bereit, Geri?», fragt Andreas Meier nach seiner Anmoderation im Studio nebenan.

Der Ende Jahr abtretende Schneider informiert über die beantragte Erweiterung der überregionalen Schulsozialarbeit. Die Schulsozialarbeit wirkt bereits seit August 2016 an der Oberstufe der Kreisschule Surbtal; nun soll sie bereits ab Kindergarten in den Gemeinden Endingen, Lengnau, Tegerfelden und Freienwil eingeführt werden. «Damit sollen Fälle rechtzeitig erkannt und nicht erst in der Oberstufe behandelt werden.» Endingen wird Sitzgemeinde und deshalb auch für das Personelle zuständig. 215 Stellenprozente werden für die neue Schulsozialarbeit beantragt. Dies erfordert eine Anpassung des Personalreglements und der Personalverordnung, wie Moderator Andreas Meier aus Studio 2 erklärt – und an die nächste Rednerin übergibt: «Bitte, Esther!»

Gemeinderätin Esther Weiss-Knecht informiert über die nötigen Investitionen im Tiefbau. Dabei geht es um die Sanierung zweier Brücken. Bei der 1734 erstellten Brücke Unterendingen muss unter anderem das teilweise lose Mauerwerk repariert werden. Für die Instandstellungsarbeiten beantragt der Gemeinderat einen Kredit von 350 000 Franken. Auch die Brücke Weibel/Raiffeisen (Baujahr 1834) weist das Mauerwerk Schäden auf. Zudem hat sich der Mittelpfeiler teilweise abgesenkt. Die Kosten werden mit 450 000 Franken veranschlagt. An beiden Projekten beteiligt sich die Denkmalpflege des Kantons Aargau. Weiter stellt sie die beantragte Sanierung des Abwasserpumpwerks Unterendingen vor.

Slides aus einer Powerpoint-Präsentation vervollständigen die Informationen. Für den Livestream wurden die Unterlagen nochmal komplett überarbeitet und vereinfacht. Nicht alle Traktanden dürfen an die Urnenabstimmung; etwa die Einbürgerungsgesuche. Sie werden auf die nächste «Gmeind», die hoffentlich im Sommer wieder «normal» stattfinden kann, vertagt.

 

 


Video ist bis 13. Dezember online
Während der Livesendung können die Zusehenden in einem Online-Chat Fragen zu den Themen stellen, die von Gemeindeschreiber Daniel Müller aus dem Sitzungszimmer umgehend beantwortet werden. Vizeammann Rebecca Spirig erläutert das angepasste Bestattungsreglement, in dem Lücken geschlossen wurden. So sei es in letzter Zeit verschiedentlich vorgekommen, dass Angehörige von Verstorbenen die Erbschaft ausschlugen und die Gemeinde auf den Bestattungskosten sitzenblieb, weil eine explizite Bestimmung im Reglement fehlt.

Zum Abschluss läuft der Gemeindeammann vor der Endinger Fahne nochmals zu Hochform auf. Er stellt die wichtigsten Punkte aus dem überarbeiteten Personalreglement vor und erläutert das Budget 2021 sowie den Steuerfuss. Am Ende verweist Werder noch einmal auf die Abstimmungsunterlagen, in denen alle Details nachzulesen sind. «Bleiben Sie gesund. Uf wiederluege!», verabschiedet er die mittlerweile über 100 Zuschauenden.


Applaus für die Beteiligten
Nach exakt 43 Minuten ist die Sendung zu Ende – und die Erleichterung bei allen Beteiligten spürbar. Im Sitzungszimmer gibt es spontanen Applaus. «Sie haben es super gemacht», lobt Produktionsleiter Tschanz. Auch Studio-Inhaber David Henzmann, der die Abläufe im Regieraum koordinierte, ist stolz: «Es braucht viel Mut für eine Gemeinde, so ein Projekt zu machen!» 

Es sei eine sehr gute Erfahrung gewesen, findet Vizeammann Rebecca Spirig. Auch die anderen Gemeinderäte sind zufrieden. Trotzdem freuen sie sich, wenn die Gemeindeversammlungen wieder mit den Stimmberechtigten in der alten Turnhalle stattfinden können. Gemeinderat Gerhard Schneider bringt es auf den Punkt: «Es war eine spannende Sache. Aber ein Geschäft im Saal vor der Versammlung zu präsentieren, ist trotzdem etwas anderes. Man sieht und spürt die unmittelbare Reaktion der Menschen.» 

Die Videoaufzeichnung ist bis am 13. Dezember auf www.endingen.ch sowie auf dem Youtube-Channel «Gemeinde Endingen AG» (siehe oben) zu sehen.

War dieser Artikel lesenswert?

Wir setzen uns mit Herzblut und Know-how für gute Geschichten aus Ihrer Region ein. Wenn auch Sie hochwertigen Journalismus schätzen, können Sie uns spontan unterstützen. Wir danken Ihnen – und bleiben gerne für Sie am Ball.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

«Ich bike lieber mit Frauen»

Der Ennetbadener Hansj Oppliger (64) lebt seine Outdoor-Begeisterung nicht nur… Weiterlesen

«Tokio, ich komme!»

Die Karateka Elena Quirici hat es geschafft: Sie vertritt die Schweiz in Japan… Weiterlesen

region

Grillwürste, Trychler und Tambouren

Die Wettinger Bevölkerung liess sich die Bundesfeier nicht nehmen. Und zeigte… Weiterlesen

region

Premiere für Sandro Brotz

Im Kern der Bundesfeier­ansprache von Sandro Brotz stand der Einbezug der… Weiterlesen

region

Von Schweizer Tugenden

Bratwurst, Festrede, gemeinsames Singen: Birmenstorf feierte dieses Jahr unterm… Weiterlesen