Eine paläontologische Sensation

Ein extrem seltener Fossilienfund im Steinbruch Jakobsberg zeigt gut erhaltene Exemplare aller fünf heute noch vorkommenden Stachelhäuter-Gruppen auf kleinstem Raum. Die zwei Quadratmeter grosse Gesteinsplatte ist die Hauptattraktion der Sonderausstellung «5 Sterne» im Naturhistorischen Museum Bern.

Die Berner Paläontologen suchen im Steinbruch Jakobsberg unter der Leitung Dr. Bernhard Hostettler nach Fossilien und bergen sie sorgsam.
Die Berner Paläontologen suchen im Steinbruch Jakobsberg unter der Leitung Dr. Bernhard Hostettler nach Fossilien und bergen sie sorgsam. (Bilder: zVg | Jura Cement)

von
Susanne Wild

29. August 2019
15:35

Sonderausstellung «5 Sterne»

Die Sonderausstellung «5 Sterne» im Naturhistorischen Museum Bern ist bis Ende März 2020 geöffnet. Herzstück der Ausstellung ist die zwei Quadratmeter grosse Gesteinsplatte, die prächtige Fossilien von urzeitlichen Meeresbewohnern zeigt. Mittels einer Lichtinstallation, welche die Besucherinnen und Besucher selber steuern, können die Arten jeweils einzeln angeleuchtet werden. Die Ausstellung ist unkonventionell gestaltet: So erhalten die Besucherinnen und Besucher am Eingang eine 3-D-Brille, mit deren Hilfe der Fundort – der Steinbruch Jakobsberg – dreidimensional erkundet werden kann. Interessante zusätzliche Hintergrundinformationen bieten Führungen unter der Leitung von Ursula Menkveld-Gfeller und Bernhard Hostettler. Ein spannender Blick in das Buch der Erdgeschichte! 

Versteinerungen von Seeigeln, Seesternen, Schlangensternen, Seelilien und Seegurken – so heissen die Meerestiere – sind zwar auch an anderen Fundorten geborgen worden. Doch in dieser Häufung, in fast unversehrtem Zustand und auf so engem Raum vereint sind die versteinerten Tiere noch nie gefunden worden. Ausgegraben in den Jahren 2016 und 2017, stellen diese Versteinerungen selbst die weltbekannten Funde, die in den 1960er-Jahren im Schinznacher Steinbruch gemacht worden waren, in den Schatten.

Seit knapp einem Jahr wird der sensationelle Fund erstmals der Öffentlichkeit gezeigt. Ursula Menkveld-Gfeller, Kuratorin Paläontologie im Naturhistorischen Museum Bern, gibt ihrer Freude über den Schatz der Ausstellung «5 Sterne» Ausdruck: «Die beiden Funde 2016 und 2017 erstaunen uns noch immer! Niemals hätten wir dies für möglich gehalten – und dass es dann noch ein zweites Mal geschah, können wir immer noch nicht fassen.» Dieser Fund sei für das Museum und für die Wissenschaft sehr wichtig.

 

Ein absoluter Höhepunkt

«Die Fünf-Sterne-Ausstellung ist für unsere Arbeit hier am Museum ein absoluter Höhepunkt, der kaum zu überbieten ist: Fund und Bergung durch das eigene Team, Präparation hier am Haus, eigene Ausstellung inklusive Konzept und Projektleitung – das erlebt wohl nicht manches Paläontologenteam, mancher Kurator! Für unsere paläontologische Sammlung ist der Fund eine grosse Bereicherung. Er ergänzt unsere thematischen Sammlungsschwerpunkte (Juragebirge, Stachelhäuter…) sehr vielseitig», erläutert die Kuratorin. Dass die Bergung und vor allem die Präparation der Stücke sehr zeitaufwändig sind – noch sei vom Fund von 2017 nur etwa ein Drittel präpariert – veranschaulicht unter anderem der Film, der in der Ausstellung gezeigt wird. Auch Bernhard Hostettler freut sich über diesen wertvollen Schatz. Gemeinsam mit externen Wissenschaftlern werden er und die Kuratorin die Stachelhäuter wissenschaftlich untersuchen.

Vor 170 Millionen Jahre haben die Tiere gelebt. Unsere Region lag damals unter Wasser: Ein seichtes, warmes Meer wogte hier – ähnlich wie heute auf den Bahamas. Dieses ständig leicht bewegte Meer macht es heutigen Paläontologen so schwer, gut erhaltene Fossilien zu finden. Das rollende Wasser zerschlug die feingliedrigen Skelette. Die Reste wurden mit Kalk überzogen und durch die ständige Bewegung zu kleinen Kügelchen geformt, die wie Fischlaich – der Rogen – aussehen. Daher wird die heutige Gesteinsschicht als Hauptrogenstein bezeichnet.

Dass die Fossilien aus dem Jura-Cement-Steinbruch so gut erhalten sind, lässt auf eine Naturkatastrophe schliessen. Vor rund 170 Millionen Jahren muss ein Jahrhundertsturm in der Region getobt haben. Die Tiere, die dabei gestorben sind, wurden nicht allzu weit weggeschwemmt und rasch mit feinkörnigem Schlamm bedeckt.

  • Die rund zwei Quadratmeter grosse Gesteinsplatte mit den hervorragend erhaltenen Fossilien ist Mittelpunkt der Sonderausstellung «5 Sterne» im Naturhistorischen Museum Bern.

Zusammenarbeit des Museums mit Jura Cement

Steinbrüche bieten Blicke unter die Erdoberfläche: Sie legen Schichten frei, die aus längst vergangenen Zeiten berichten. Der Jura-Cement-Steinbruch Jakobsberg ist besonders reich an Fossilien. Und hier kommen sie ins Spiel: die Paläontologen des Naturhistorischen Museums Bern. Sie bergen diese Schätze, um sie zu erforschen, zu präparieren und gegebenenfalls auszustellen. Einige gut erhaltene und sehr interessante Fossilien sind in einer kleinen Ausstellung im Firmengebäude von JCF in Wildegg zu sehen. Die Berner Kuratorin stellt eine Ergänzung oder Erneuerung dieser Sammlung in Aussicht.

Der Zutritt zum Steinbruch ist aus Sicherheitsgründen für die Öffentlichkeit verboten. Dass die Paläontologen des Naturhistorischen Museums Bern in dieser für sie hochinteressanten Umgebung nach Fossilien suchen dürfen, beruht auf einer Vereinbarung der Zusammenarbeit. Seit rund sieben Jahren informiert Jura Cement die Fachleute des Naturhistorischen Museum Bern jeweils über grössere Aushubarbeiten im Steinbruch und ermöglicht es den Paläontologen, unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen nach Fossilien zu suchen.

Ursula Menkveld-Gfeller ist dem Wildegger Unternehmen dankbar für diese Kooperation, denn ohne das Entgegenkommen der Jura Cement Fabriken wäre der sensationelle Fossilienfund nicht möglich gewesen. Sie bedankt sich bei den Verantwortlichen: «All dies war nur möglich dank des Vertrauens der Jura Cement, welche uns Zutritt zum Steinbruch gewährt und uns auch immer unterstützt: Merci viumau!»

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Dorfjugend sucht eine neue Bleibe

Die Gemeinde Neuenhof zog den Kreditantrag für einen Neubau des Jugendraums im… Weiterlesen

Restaurant im Ausnahmezustand

Seit anderthalb Jahren ist das ­Panorama-Restaurant Hertenstein in Ennetbaden… Weiterlesen

region

Waschbären-Weihnacht – Judith Allert und Ina Clement

Wenn es dunkel wird im Winterwald und alle Tiere schlafen, geht es in der… Weiterlesen

region

Die Altstadt-Netzwerkerin

Maja Loncarevic haucht dem geschichtsträchtigen «Vieresächzgi» neues Leben ein:… Weiterlesen

region

Patenschaft für «Die Kopflose»

Der Forstbetrieb Birretholz in Birrhard bietet neu Baumpatenschaften für fünf… Weiterlesen