Bäcker-Tipp zur Nachhaltigkeit

Nachhaltig sein – wer und wieviel? Der heutige Bäcker-Tipp dreht sich rund um dieses Thema.

Die verschiedenen Seiten der Nachhaltigkeit (Symbolbild)

von
Tamara Lehmann

24. Juni 2020
09:40

Mal ganz ehrlich: Wer nur für sich selbst produziert (z.B. kocht), wirft auch mal ab und zu etwas weg, was schlussendlich verbrannt wird. Und wer dann noch zusätzlich für andere mitproduziert (kochen für eine Familie; ein gewerblicher / industrieller Betrieb) ist wohl in den allerseltensten Fällen zu 100 Prozent nachhaltig. Und ja, somit auch wir nicht. Sie mögen sich fragen: Wo könnte ein Betrieb überall nachhaltig sein? Ich frage aber, wo kann ein Betrieb nachhaltig sein, obwohl es dann vielleicht etwas mehr kostet und wo muss er auf alle Fälle rentabel sein, sei es mit oder ohne Nachhaltigkeit. Am nachhaltigsten wäre sicher, wenn jedes Unternehmen aufhören würde, zu produzieren und die Kunden aufhören würden, zu verbrauchen. Diese Lösung scheint mir dann aber doch sehr unrealistisch. Hier stellt sich auch die Frage der Verantwortung. Wo beginnt sie und hört sie auf für den Betrieb bzw. wann liegt sie beim Lieferanten und wo geht sie über zum Kunden.

Ich möchte hier ein paar Beispiele von unserer Bäckerei aufzeigen.

Schinken und Fleischkäse kaufen wir bei der Metzgerei Wernli in Remigen ein. Sie schlachten selbst und die Schweine sind von Gansingen. Die Transportwege sind somit sehr kurz und der Geldfluss bleibt in der Region. Trutenbrust ist bei uns ausländisch, da derjenige aus der Schweiz 71 Prozent teurer ist. Hier gehen wir davon aus, dass die Kunden nicht bereit sind, einen so hohen Aufpreis zu bezahlen.

Ein weiterer Punkt ist die Energie. Meine Eltern haben vor mehr als zehn Jahren von Öl auf Wärmerückgewinnung unserer Kühlanlagen, eine Wärmepumpe und Strom umgestellt. Vor zwei Jahren habe ich dann die Strategie insofern erweitert, dass wir den Strom aus 100 Prozent erneuerbaren Energien beziehen. Dies ist etwas teurer, nehmen wir aber in Kauf. Die Prüfung einer Solaranlage auf dem Dach fiel leider negativ aus, da es in unserer Zone auf Bundesebene (ISOS) verboten ist. Ja, auch der Bund setzt Grenzen. In diesem Fall halte ich sie für nicht mehr zeitgemäss und im wahrsten Sinne des Wortes oberflächlich. Schade.

Ein sehr grosses Thema ist seit einiger Zeit der sogenannte «Foodwaste», also das Wegwerfen von noch essbaren Lebensmitteln. Wir erleben diese Problematik in unseren Verkaufsläden hautnah. Hat die Verkäuferin am Abend eine eingeschränkte Auswahl, gibt es Kunden, die das ablehnen und wenn es zwei- oder dreimal ihr bevorzugtes Brot nicht hat, nicht mehr kommen. Das heisst, haben wir zu früh zu wenig im Angebot, verlieren wir Kunden und das ist teuer. Haben wir bis am Schluss sehr viel, werfen wir am Abend gute Lebensmittel weg. Auch das ist teuer und alles andere als nachhaltig. Am Abend oder auf Produkte vom Vortag Rabatt zu geben ist heikel. Denn die Gefahr, dass einige Kunden erst dann kommen um vom Rabatt zu profitieren, ist erfahrungsgemäss sehr gross und hier kommt dann der Punkt, wo die Nachhaltigkeit für das Geschäft sehr schnell unrentabel wird. Sinnvoller «Foodwaste»-Trend hin oder her. Eine weitere Möglichkeit der Nachhaltigkeit in diesem Fall wäre auch, dass wir alle als Konsumenten in Kauf nehmen, dass die Auswahl ab z.B. zwei Stunden vor Ladenschluss immer kleiner wird. Das kostet den Konsumenten keinen Rappen sondern «nur» die Akzeptanz, dass etwas gegen Schluss weniger wird. Wie wahrscheinlich auch jedermanns und jederfraus Arbeitsleistung gegen Ende eines Arbeitstages; auch die nimmt ab. Und das soll ja auch akzeptiert werden, was richtig ist.

Nun aber noch ein anderer Zweig der Nachhaltigkeit. Es hat mich ausserordentlich gefreut, dass während der «Hochsaison» der Coronakrise die kleinen Dorfläden stark von der Bevölkerung unterstützt wurden. Nachhaltig wäre doch jetzt, diese weiter zu berücksichtigen, sofern man zufrieden war. Es stimmt mich sehr traurig, wenn ich höre, wie gross der Andrang im nahen Deutschland seit der Grenzöffnung bereits wieder ist. Wie gesagt, Verantwortung für die Nachhaltigkeit findet auf mehreren Ebenen statt. Auch hier geht es nur zusammen.

In diesem Sinne danke ich für Ihre Treue! Herzliche Grüsse.

 

Kontakt: Tamara Lehmann
info@baeckerei-lehmann.ch, www.baeckerei-lehmann.ch, 056 443 22 39
Bäckerei Lehmann
Standorte: Schinznach-Dorf, Birmenstorf, Windisch, Brunegg

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