Der Jahrhundertbau im Regionalzentrum

Mit der Einweihung des HTL-Neubaus im August 1968 wurde der Grundstein für den späteren Fachhochschul-Campus Brugg-Windisch gelegt.

Die Gebäude der HTL Brugg-Windisch gelten als architektonische Objekte von nationaler Bedeutung
Die Gebäude der HTL Brugg-Windisch gelten als architektonische Objekte von nationaler Bedeutung (Bilder: h.p.w.)

von
Hans-Peter Widmer

19. August 2018
09:00

Vor 50 Jahren, am 30. August 1968, wurde der Neubau der Höheren Technischen Lehranstalt (HTL) Brugg-Windisch auf der Klosterzelg gegenüber dem Park von Königsfelden ­eingeweiht. Um die gleiche Zeit entstanden in der Region Brugg mehrere grosse Schul-, Verkehrs-, Industrie- und Wohnbauten, aber unter diesen nahm die HTL als neuer und höchster aargauischer Schultypus den wichtigsten Rang ein. Damals dachte freilich noch niemand daran, dass die neue, schweizweit beachtete Ingenieurschule den Grundstein für den heutigen Fachhochschul-Campus bilden würde.  

Die herausragenden Baukuben bekamen den Namen Hallerbauten – eine Hommage an ihre Schöpfer, den Solothurner Architekten Fritz Haller (1924–2012) und seinen Sohn Bruno Haller. Das Hauptgebäude rückte schon zehn Tage vor der Einweihung ins Rampenlicht, weil darin am 20. August 1968 fünf grossartige Wandbilder des Kunstmalers Hans Erni mit den Geistesheroen Sokrates, Leonardo da Vinci, Newton, Pestalozzi und Einstein enthüllt wurden. Die einzige bauliche Unvollkommenheit beim Bezug der neuen Bildungsstätte war der aus Spargründen aufgeschobene Bau der Mensa und Aula. Indessen wurde die Baugrube zum Satiresujet. 

 

Der Verzicht von Brugg

Der umstrittenste Entscheid in der zehnjährigen Technikums-Planung war die Standortwahl. Lenzburg, Brugg und Windisch lieferten sich einen beispiellosen regionalpolitischen Wettstreit. Man rechnete sich gegenseitig vor, wer schon kantonale Institutionen besass – Lenzburg das Zuchthaus, Brugg die Frauenschulen und Windisch die Heil- und Pflegeanstalt – und versuchte daraus abzuleiten, wem der Prestigegewinn und die wirtschaftlichen Vorteile der Höheren Technischen Lehranstalt am ehesten zustünden. 

Brugg und Lenzburg boten Gratis-Bauland an: Brugg 10'334 m2 neben dem Bezirksspital, Lenzburg 16'800 m2 beim Bahnhof. In Windisch gehörte die ins Auge gefasste 21'700 m2 grosse Klostermatte zur Staatsdomäne Königsfelden; die Gemeinde offerierte einen Baubeitrag von 60'000 Franken plus die Lieferung von Strom und Wasser zu Vorzugspreisen. Lenzburg pries seine Beschaulichkeit als Standortvorteil an. Brugg und Windisch warben mit der zentralen Verkehrslage. Zudem stellte der Verband der Industriellen von Brugg und Umgebung 613'000 Franken in Aussicht, wenn die Wahl auf Brugg oder Windisch fiele. 

Die politischen Meinungen waren geteilt. Der Regierungsrat bevorzugte Windisch. Die Mehrheit der vorberatenden Grossratskommission votierte für Brugg, die Minderheit für Lenzburg. In der entscheidenden Grossratssitzung, Anfang 1959, dämmerte es Brugg und Windisch, dass ihre gegenseitige Konkurrenzierung Lenzburg zum lachenden Dritten machen könnte. Darum zog Brugg seine Bewerbung im letzten Moment zugunsten von Windisch zurück. Der Rat entschied sich darauf mit 90 Stimmen für Windisch gegen 78 Stimmen für Lenzburg. Die Ingenieurschule bekam den Namen Brugg-Windisch.

  • Die Tropfenplastik auf dem HTL-Areal war anfänglich sehr umstritten
    Die Tropfenplastik auf dem HTL-Areal war anfänglich sehr umstritten
  • Das Wandbild von Hans Erni mit den fünf Geistesheroen  wurde der HTL zur Einweihung geschenkt
    Das Wandbild von Hans Erni mit den fünf Geistesheroen wurde der HTL zur Einweihung geschenkt

Der Stolz des Aargaus

Am 1. April 1959 stimmte das Aargauervolk dem  Vorhaben mit 51 157 Ja gegen 20'457 Nein zu. Das Projekt stand 1962; es rechnete mit Kosten von 25,7 Millionen Franken. Mit dem Bau wurde 1964 begonnen. 1965 nahm die HTL den Betrieb in provisorischen Räumen des neuen Windischer Bezirksschulhauses und der Brugger Gewerbeschule auf. Von Beginn an war die Lehranstalt unter der genuinen Leitung von Professor Walter Winkler gut im Kanton verankert. Der Arbeitgeberverband, die Industrie- und Handelskammer, der Baumeisterverband und die Aargauer Sektion des Ingenieur- und Architektenvereins errichteten die Stiftung zur Förderung der HTL und statteten sie grosszügig mit Mitteln aus, die dem «Tech» unter anderem die frühe Anschaffung eines eigenen Computers ermöglichte, der damals angeblich moderner war als jener der ETH. 

Der aargauische Stolz über die neue Institution kam an der Einweihungsfeier am Freitag, 30. August 1968, zum Ausdruck. Das «Brugger Tagblatt» unterstrich mit Nennung der prominenten Gäste- und Rednerliste die Bedeutung des Ereignisses. Was Rang und Namen hatte, war dabei: Vertreter des Bundes, der Regierungsrat in corpore, die aargauischen National- und Ständeräte, Mitglieder des Grossen Rates und die Gemeindebehörden von Brugg-Windisch, Repräsentanten der andern elf Technikums-Kantone, die Präsidenten des Schweizerischen Wissenschafts- und Schulrates, die Rektoren der aargauischen Mittel- und Gewerbeschulen, die Mitglieder der HTL-Aufsichts-, Planungs- und Baukommission sowie hohe militärische Persönlichkeiten. 

Den Ablauf des Festaktes in der Klosterkirche Königsfelden fasste das Lokalblatt so zusammen: «Der Orchesterverein Brugg unter der Leitung von Albert Barth gab der Feierstunde, in welcher Ansprachen von Bundesrat 
Dr. h. c. Hans Schaffner, Erziehungsdirektor Dr. Arthur Schmid, Dr. h. c. Karl Rütschi, Präsident der HTL-Stiftung, und Direktor Walter Winkler gehalten wurden, einen würdigen Rahmen.» Aber damit war nicht Schluss. Im zweiten Teil wurden die Besichtigung der Neubauten, ein Imbiss im Lichthof des Hauptgebäudes sowie ein Unterhaltungsprogramm mit musikalischen und tänzerischen Darbietungen unter der Leitung des bekannten Brugger Choreografen Jean Deroc geboten. Und am darauffolgenden Wochenende strömten Tausende Besucher durch die «offenen Türen» der HTL.

 

Grosszügige Geschenke

Das Publikum war von den 104'000 m2 grossen Flächen und der kühnen Stahlskelett-Konstruktion aus der Brugger Stahlbaufirma Wartmann & Cie. sowie der flexiblen Raumeinteilung der HTL-Neubauten beeindruckt, aber auch von den faszinierenden Kunstwerken Hans Ernis angetan, die den Konferenzsaal schmückten. Die überlebensgrossen Porträts von fünf Universalgelehrten symbolisierten den weiten Geisteshorizont, den die neue Bildungsstätte absteckte. Der Brugger Industrielle Karl Rütschi und der Luzerner Künstler machten die Werke der HTL zum Geschenk. 

Die Stiftung zur Förderung des HTL ihrerseits schenkte der Schule «Die Seiltänzerin», eine Bronzeplastik des kurz zuvor verstorbenen, bekannten Bildhauers Jakob Probst (1880–1966). Für beide Werke wurde am 20. August 1968 zu einer separaten Einweihungsfeier – ebenfalls mit viel Prominenz – eingeladen. Unvergessen blieb den Gästen eine aus dem Stegreif gehaltene, eindrückliche Rede des berühmten Kernphysikers Professor Dr. Paul Scherer (nach dem das PSI-Forschungsinstitut in Villigen benannt ist).

Ein drittes Kunstwerk, das später neben der fertigen Aula-Mensa zu stehen kam, die «Sieben-Tropfen-Plastik», schied anfänglich die Geister. Sie war extraordinär, und Kritiker bezweifelten, ob sie überhaupt etwas mit Kunst zu tun habe. Aber man hat sich längst an die farbigen Kegel gewöhnt – so, wie die Region Brugg-Windisch auch die Standortwahl der HTL nie bereute, denn sie profitierte von deren gutem Ruf und starken Ausstrahlung.

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