«Fünf vor zwölf ist längst vorbei»

«Es führt nichts daran vorbei, das Klima verändert sich», betont der Klimaforscher Stefan Brönnimann. Er eröffnete das Podium Interface 2020 an der FHNW in Brugg-Windisch.

Stefan Brönnimann forscht zum Thema «Natürliche Klimaschwankungen» (Bild: lp)

19. März 2020
09:00

Der Klimawandel bewegt – daran vermag offensichtlich auch das Corona­virus nichts zu ändern. Das jedenfalls hat der grosse Aufmarsch zur ersten Veranstaltung des Podiums Interface 2020 gezeigt, das unter dem Titel «Klimawandel – Klimakrise – Klimahoffnung» steht. «Wir haben den Titel bewusst so gesetzt», betonte Fridolin Stähli von der Hochschule für Technik der FHNW Brugg Windisch, der zusammen mit Peter Gros (ebenfalls Dozent an der Hochschule für Technik der FHNW Brugg Windisch) hinter dem Podium Interface steht. «Wir wollen wissen und verstehen. Dazu braucht es die Wissenschaft.»

 

«Wir stecken in der Krise»

«Die Stabilisierung der Treibhausgas-Konzentration ist in den letzten 30 Jahren nicht gelungen», so die Veranstalter zum Thema des Podium Interface 2020. «Auf dem Globus ist es wärmer geworden. Der anthropogene Einfluss auf das Klima wird bei ungebremsten Treibhausgasemissionen bis Mitte des Jahrhunderts eine Zunahme der Jahresmitteltemperatur von zwei bis drei Grad zur Folge haben. Das gibt Anlass zur Sorge. Denn das Klima beeinflusst alle Umweltfaktoren. Es betrifft sämtliche Teile unseres Planeten. Die Folgen des globalen Klimawandels lassen sich nicht abschätzen. Wir stecken in einer Krise.»

Zu dieser Erkenntnis vermochte auch Brönnimann, der an Universität Bern lehrt und zum Thema «Natürliche Klimaschwankungen» forscht, mit seinem Referat «Klimawandel in der Schweiz – Vergangenheit und Zukunft» wenig Neues zuzufügen. «Es bestehen keine Zweifel darüber, dass die Sommer wärmer geworden sind und wer dafür verantwortlich ist – auch wenn das ausserhalb der Wissenschaft nicht überall so gesehen wird», betonte er. «Was wir jetzt erleben, stellt alles in den Schatten.»

Dass sich die Veränderung des Klimas nachweisen lässt, zeigte er anhand von Dokumenten auf. Unter anderem mit einer Datumsreihe zur Weinlese, die bis in 14. Jahrhundert zurückreicht. «Nicht alles ist Temperatur», räumte er ein. «Aber es gibt sehr starke Temperatursignale. Es ist auch richtig, dass es immer wieder Schwankungen gegeben hat. Wir stellen jedoch einen schnellen Anstieg der Temperaturen seit 1970 fest. Noch extremer erscheinen die Ausreisser nach unten. Es gibt überhaupt keine kalten Sommer mehr. Wir hatten 37 warme Sommer hintereinander.»

 

«Man weiss es längst»

«Man wusste es schon lange», betonte Stefan Brönnimann zum Klimawandel. Er verwies dabei auf die Arbeiten des Klimaforschers James E. Hansen – der schon in den Achtzigerjahren vor den Gefahren der globalen Erwärmung gewarnt hatte – und der Klimatologin Gabriele Hegerl. «Man weiss auch, wer schuld an der Erwärmung ist. Was mich aber zusätzlich betrübt, ist die Tatsache, dass 60 Prozent der Co2-Belastung seit 1970 entstanden sind. Das gibt zu denken.» Und mit einem Seitenblick auf Greta Thunbergs Schulstreik meinte er: «Eigentlich sollten die Klimawissenschaftler streiken.» Die Szenarien für den Wandel des Klimas in der Schweiz für das Jahr 2060, die Stefan Brönnimann aufzeigte, sprechen denn auch für sich. «Wir erwarten, dass es in Richtung eines Anstiegs der Sommertemperaturen um zwischen 2½ und 4½ Grad gehen wird», stellte er fest. Es wird mehr Hitzetage geben – was sich vor allem in Städten zusätzlich auswirken wird – sowie längere Trockenperioden im Sommer. Modelle gehen davon aus, dass sich die Menge der Sommerniederschläge zwar vermindert, dass aber Starkniederschläge zunehmen werden. Auch im Winter sind höhere Temperaturen zu erwarten. «2060 wird Schnee selten werden», so Stefan Brönnimann. «Gletscher werden zum grossen Teil verschwinden.»

 

Verhalten muss ändern

«Es führt nichts daran vorbei, dass sich das Klima verändert», stellte er fest. «Das heisst jedoch nicht, dass man nichts machen kann. Es müsste möglich sein, den Temperaturanstieg bei zwei Grad einzupendeln. Das erfordert jedoch, dass man sich anpassen muss. Man kann etwas machen, indem man das Mobilitäts- und Konsumverhalten ändert. Es gibt auch technische Lösungen. Aber es geht nicht ohne Verhaltensänderung. Man kann von Greta halten was man will. Aber manchmal braucht es einen Denkanstoss.»

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