​​​​​​​Vor dem Bachelor raus in die Welt

Bevor die Fachhochschule FHNW die Studierenden ihrer Abschlusssemester entlässt, schickt sie sie in die Welt hinaus.

Das Projektteam Explore-Asean, v. l.: Janine Wyler und Alexander Häfeli; PR-Duo Emily Künzli und Lukas Tadeu; Tatiana Christen und Raphael Widmer. (Bild: zvg)

von
HANS-PETER WIDMER

23. November 2019
09:00

Die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), die über ein weltweites Netzwerk verfügt, bietet den Studierenden der Fakultäten Wirtschaft, Technik, Informatik, Architektur und Life Sciences seit 2001 jeweils im letzten Semester, vor dem Bachelor-Abschluss, internationale Studienprojekte (ISP) in Südostasien, China, Indien und Nordamerika an. Die 17-tägigen Besuchsprogramme werden durch die FHNW koordiniert. Aber ihre Umsetzung wird einzeln geplant und durchgeführt, und zwar von Studierenden. 

Für jedes der vier Reiseprojekte besteht ein vierköpfiges Organisationsteam. Deren Mitglieder mussten sich für die anspruchsvolle Aufgabe bewerben. Sie wurden aufgrund bisheriger Berufs- und Auslandsemestererfahrungen ausgewählt. Ihr ISP-Einsatz zählt für den Studienabschluss. Er wird benotet und mit 15 Credits bewertet. Dies entspricht dem Besuch von drei Studienmodulen/Vertiefungsfächern. Vom Zeit- und Arbeitsaufwand her ist die Mitwirkung in der Projektorganisation jedoch grösser – und wahrscheinlich erfahrungsreicher.

 

Motivieren und akquirieren

Aufgabe der einzelnen Projektteams ist es, attraktive Reiseprogramme zu entwerfen und deren Ablauf bis ins Detail zu planen, sodann Studierende aus den verschiedenen Fakultäten für die Teilnahme zu motivieren sowie die Unterstützung von Sponsoren, Behörden, Firmen und Hochschulen in den besuchten Gegenden zu gewinnen. Die Teams werben schriftlich und mündlich für ihre Projekte, mit eigenen Websites, Newslettern, attraktiven Reisebeschrieben und persönlichen Präsentationen in den Klassen. Sie stehen bei der Akquisition in Konkurrenz zueinander. Wer überzeugt am besten? Das ist leistungsfördernd.

Unternehmen werden einerseits als Sponsoringpartner umworben. Für diese Kontakte sprechen sich die Teams untereinander ab, um den Firmen lästige Doppelanfragen zu ersparen. Durch deren Beiträge verringern sich die auf 2800 Franken geschätzten Reisekosten, die für Studierende durchaus ins Gewicht fallen. Den Teilnehmenden werden 5 Credits gutgeschrieben. Sie müssen ihre Teilnahme allerdings mit einem Lebenslauf, einer internen und externen Referenz sowie einem Reisebericht dokumentieren. Anderseits werden Unternehmen gesucht, die vor Ort besichtigt werden können. Die Projektpartner erhalten als Gegenleistung Zugang zu den Dossiers der besten angehenden FHNW-Diplomanden und können sich so frühzeitig frisch ausgebildete Fachkräfte aussuchen.

 

Sorgfältige Vorbereitung

Wie sorgfältig die FHNW-Studienprojekte aufgegleist werden, lässt sich am Beispiel «Milestones» von Explore­Asean nach Südostasien zeigen; es ist das jüngste der Studienprojekte. Sein Organisationsteam besteht aus Alexander Häfeli, Bözberg; Tatiana Christen, Lauffohr; und Raphael Widmer, Birrhard; die an der FHNW Brugg-Windisch Business Administration/International Management studieren, sowie Janine Wyler, Luzern, von der FHNW Olten. Alexander und Raphael haben letztes Jahr ein Auslandsemester an der thailändischen Kasetsart-University in Bangkok absolviert und auch Länder wie Vietnam bereist, wo ihr Studienprojekt nun unter anderem hinführt. 

Die vier Young Talents verteilten als Erstes die von der FHNW vorgegebenen Rollen. Alexander ist für Coordination & Communication zuständig; Janine für Partnership & Finance; Tatiana für Preparatory Seminar; Raphael für On-Site Seminar & Tour Management. Die englischen Begriffe sind für sie Alltag, denn ihr ganzes Studium läuft in Englisch. Nach der Konstituierung legte das Team fest, wer mit welchen Partnerfirmen in Kontakt treten solle. «Wir kontaktieren sie grundsätzlich telefonisch, LinkedIn und per E-Mail, wichtig ist, an die richtige Person zu kommen und die Firmenvertreter wenn möglich in einem persönlichen Treffen von unserem Projekt zu überzeugen», erklärt Raphael Widmer.

  

«The Flow of Water»

Das jetzige Organisationsteam stellt das diesjährige Südostasien-Projekt unter das Motto: «The Flow of Water». Mit diesem Grundthema will es auf die mehrfache Bedeutung hinweisen, die dem Wasser auch in der Asean-Region und in Zeiten des Klimawandels zukommt – sei es als Lebensgrundlage für die wachsende Bevölkerung, Produktionsfaktor für die Landwirtschaft, Transportweg und geostrategisches Element. Auf der Reise werden der Delegation Einblicke in die Kulturen der Zielländer vermittelt und Schweizer Unternehmen vor Ort besichtigt. Beispielsweise sind Besuche beim Schweizer Transport- und Logistikdienstleister Panalpina in Singapur und in einem Roboterzentrum von ABB in Vietnam vorgesehen. Auch Partneruniversitäten der FHNW, wie die Kasetsart-University in Bangkok, empfangen die Besucher aus der Schweiz.

Zudem werden Kontakte zu den Schweizer Botschaften in den Besuchsländern, aber auch zu deren Botschaften in der Schweiz geknüpft. In diesem Zusammenhang war der Besuch einer vietnamesischen Regierungsdelegation mit Vizepräsidentin Dang Ngoc Thinh letzten Juli an der FHNW Brugg-Windisch wertvoll. Das Explore-Asean-Organisationsteam wurde danach von der Botschaft in Bern zum vietnamesischen Nationalfeiertag eingeladen, es stellte dadurch persönliche Verbindungen her und bekam unbürokratische Visa-Unterstützung.

 

Herausforderungen bewältigen

«Mit den Vorbereitungen sind wir auf Kurs, und die Finanzierung ist sichergestellt, nicht zuletzt dank unseren diversen Partnerfirmen, die von globalen Unternehmen wie Roche bis zu Logistikdienstleister wie der Dreier Transport AG reichen», sagt Raphael Widmer. Er schätzt seinen Einsatz für das Projekt als 40-Prozent-Pensum ein. Das Vierer-Team hat sich noch durch ein PR-Duo mit Emily Künzli und Lukas Tadeu verstärkt; die beiden bewirtschaften die Social-Media-Kanäle und unterstützen das Team bei der Öffentlichkeitsarbeit. Die Hauptaufgabe ist momentan, eine ungefähr 20-köpfige Reisegruppe zu rekrutieren, weitere Projektpartner zu akquirieren und das Reiseprogramm im Detail zu gestalten. Um die Durchführbarkeit zu testen, rekognoszieren die Organisatoren über Neujahr Reisestrecken wie die Nachtzugfahrt von Hanoi nach Ho-Chi-Minh-City.

Was lernt man aus einem solchen Unterfangen? «Sehr viel», ist Raphael Widmer überzeugt. Zum Beispiel: Teamarbeit pflegen und Netzwerke knüpfen; gegen die andern Studienprojekte konkurrenzieren und gleichwohl zusammenarbeiten; das eigene Programm gut verkaufen, aber auch Absagen verkraften; verschiedene Ansprüche erfüllen; unter Druck arbeiten. Konkret: fast zur gleichen Zeit die Prüfungen des 5. Semesters bestehen, die Studienreise organisieren und die Bachelor-Abschlussarbeit vorbereiten. Das sind Herausforderungen, die zum Rüstzeug für künftige Kaderleute gehören. Wie sie ihre Aufgabe bewältigen, wird von der Supervisorin und Vietnamkennerin Teresa Freiburghaus bewertet.

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