Nomen est omen – amen!

Wissen Sie noch, wie es war, als Sie einen Namen für den Nachwuchs suchen mussten? Eine von den gröbsten Herausforderungen, die das Leben für werdende Eltern bereit hält.

von
Peter Belart

22. Januar 2016
21:26

Da eröffnet sich einem die unerhörte Chance, einem noch gar nicht geborenen Wesen über die Namensgebung zu einer so ziemlich exklusiven Identität zu verhelfen. Das Resultat Ihrer Auswahl ist ohne Zweifel ausschlaggebend für das psychische Wohlbefinden des zukünftigen Prinzen, für seine gesellschaftliche Stellung und für seine Akzeptanz in Schule und Beruf. Ganz zu schweigen von seinem zu erwartenden Erfolg in der Liebe. Wer würde denn heutzutage einem Adolf mit den gleichen Gefühlen begegnen wie einem Lionel! Niemals kämen Sie auf die Idee, Ihren Lümmel Goofy zu taufen. Im letzten Jahrhundert lebte in Brugg ein Mann, der sich während seines ganzen Lebens mit seinem Vornamen schwer tat – der Ärmste hiess Wulf! Und Hilfgott oder Goliath oder Mao oder Hulk wirken in der heutigen Zeit doch auch irgendwie seltsam.

Und dabei war noch gar keine Rede von der Kombination mit dem Nachnamen. Da gibt es Beispiele von üblen Entgleisungen. Gegen den Familiennamen Stutz zum Beispiel ist rein gar nichts einzuwenden. Aber dann taufen sie den Sprössling lieber nicht Gottfried, sonst wirkt das ganze Konstrukt leicht aggressiv. Und Sie, Herr Ott, bitte wählen Sie für Ihre Tochter niemals den Vornamen Ida! Die Schulkolleginnen rufen sie bestimmt nicht Ida, sondern Idi, und die Verbindung mit Ott ergibt da wahrhaftig kein Vorzeigemodell.

Ist ja gut, denken Sie, aber was sollen diese langen Reden? Wer bemüht sich denn in unserm Alter schon um Namen? 

Wenn Sie die ganze Problematik nur nicht allzu oberflächlich betrachten, Verehrteste! Nehmen Sie die Chose nicht auf die leichte Schulter, sondern lesen Sie, was sich tatsächlich zugetragen hat. Sie erfahren hier die Wahrheit und nichts als die reinste Wahrheit:

 

Restaurant, Hotel und Wohnungen

Es war einmal ein Turm. Oder ein Hochhaus. Ganz wie Sie wollen. Dem Trend der Zeit entsprechend gab man dem Gebäude einen «Arbeitstitel», einen provisorischen Namen. Natürlich nicht einen deutschen, das fehlte gerade noch. Wer etwas auf sich hält, wer ernst genommen werden will, drückt sich in Inglisch aus. Und so landete man bei «Tower». Ausgesprochen wird das «Tauer», nicht etwa «Toffer», nur dass auch das klar ist.

So. Und in den Tauer, pardon, Tower sollten ein Restaurant, ein Hotel und eine Anzahl unterschiedlich grosse Wohnungen eingepasst werden.

Längst noch im pränatalen Stadion des Tau..., äh, Kindes, begann man sich von zuständiger Seite um die definitive Namensgebung zu kümmern. Was für eine Knacknuss! Versuchen Sie es doch selber! Es ist doch ein absolutes Tabu, den zukünftigen Fünfzehnstöcker zum Beispiel Sternen oder Bären oder Eintracht zu nennen. Der Name soll eine gewisse Eleganz, eine Strahlkraft, ein doch etwas gehobenes Niveau implizieren. Nicht gerade die Sphären von Hilton oder Ambassador oder gar Burj Al Arab. Aber ebenso deplatziert wirken doch Traube, Eichhorn oder Hotel zur fröhlichen Forelle. Nein, nein, so was wurde niemals in Erwägung gezogen.

Der Steuerungsausschuss, der sich gleich den Weisen aus dem Morgenland auf die Namenssuche machte, merkte schon bald, dass sich die Sache nicht so leicht bewerkstelligen liess, wie ursprünglich angenommen. Und als dann einige ganz Gewitzte aus der Traditionsdruckerei auch noch glaubten, mitreden zu müssen, drohte man definitiv ins Abseits zu geraten.

 

Übel!

Immerhin schlug bald einmal ein Geistesblitz ein, der rundum bejubelt wurde: Der Tau... – Tower (immer noch Arbeitstitel) sollte doch in die Nähe des ehemaligen römischen Legionslagers zu stehen kommen. Also aufgepasst, vielleicht liesse sich da etwas Nettes finden. Wie wärs mit Legionär Tower? «Sind Sie noch ganz bei Trost? Im Tower wollen wir keine verlausten und verschwitzten Fusssoldaten à la Asterix-Comics!» Tja, dann halt Amphitheater Tower. «Das fehlte gerade noch! Beabsichtigen Sie etwa, Gladiolen, pardon, Gladiatoren zu ködern, Schlägertrupps, Rowdys, Hooligans und andere Asoziale? Nein danke!»

Wir könnten doch einen richtig berühmten römischen Namen bemühen. Ich schlage Nero Tower vor. «Jetzt sind Sie von allen guten Geistern verlassen! Dann würde unser noch immer Ungeborener innert kürzester Zeit abgefackelt.» Mein letzter Vorschlag: Venus Tower oder Amor Tower, einfach etwas, das man lieb haben muss. «Kommt gar nicht in Frage. Wir befinden uns doch nicht im Rotlicht-Milieu. Sie haben ja eine üble Fantasie!»

 

Centurion Tower

Endlich einigte man sich dann unter dem terminlichen Druck doch noch. Centurion Tower. Hurra! Centurion Tower! Heureka! Centurion Tower! Und das lässt sich erst noch anpassen: Hotel Centurion; Restaurant Centurion; Wohnen Centurion. Die Strahlkraft des Namens ist geradezu fühlbar. Statt einem simplen Legionär nun eine gesellschaftlich hochstehende Leaderpersönlichkeit, ein Hundertschaftsführer. Bravo! Prosit!

Da meldete sich ein sanftes Stimmchen und liess die Feierstunde nullkommaplötzlich einfrieren: «Centurion ist doch der Name eines britischen Panzers, mit dem auch die Eidgenossen ihre potenziellen Feinde kaltkriegerisch auf Distanz hielten. Oder täusche ich mich da? Wollt ihr wirklich so etwas wie einen Panzerturm einführen?»

So ein Spielverderber! Tiefe Depression allenthalben. Also zurück auf Feld eins?

In dieser schier ausweglosen Situation wurde die geniale Eingebung laut, man könnte doch das Wörterbuch konsultieren. Und schon war die Stimmung wieder ins Gegenteil gedreht. Den lateinischen Begriff «CENTURIO» übersetzen die Anglophonen mit «Centurion»! Tosender Applaus. Das ist es ja gerade, was gesucht war, eine Einheit der Sprachen!

Centurion Tower. Und dabei bleibts nun, versprochen und garantiert. Amen.

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