Energie aus Abfall

Bei der Herstellung von Zement ist sehr viel Energie nötig. Der Ofen, in dem die Rohstoffe zu Zementklinker gebrannt werden, muss auf unvorstellbare 1450 °C aufgeheizt werden. Als Brennstoffe setzt Jura Cement zu 80% alternative Materialien ein: Abfallstoffe, die nicht rezykliert werden können.

Rund 20‘000 t Altreifen verbrennt JCF im Jahr
Rund 20‘000 t Altreifen verbrennt JCF im Jahr (Bilder: Max Weyermann)

von
Susanne Wild

08. März 2018
09:00

Der Drehrohrofen ist das Kernstück der Zementproduktion im Werk Wildegg von Jura Cement. Bei 1450 °C werden in ihm die Rohmaterialien zu Zementklinker gebrannt. Immense Mengen an Brennstoffen müssen verbrannt werden, um diese Hitze zu erreichen. 80% der benötigten Brennstoffe sind bei JCF sogenannte alternative Brennstoffe: Abfallmaterialien, die aus dem täglichen Leben stammen, wie etwa Altreifen. Rund 20‘000 Tonnen davon verbraucht JCF im Jahr. «Das sind etwa 2,5 Millionen PW-Reifen», rechnet Markus Bolliger, Leiter Zementproduktion, vor. Allerdings gelangen nicht nur «kleine» Reifen in den Ofen, sondern auch Lastwagenreifen. «Rund die Hälfte aller unverwertbaren Pneuabfälle gelangt zu uns», sagt Bolliger. Da Altreifen je nach noch vorhandenem Restprofil exportiert werden können, gelten nicht alle Altreifen als «unbrauchbar».

 

Noch mehr alternative, noch weniger fossile Brennstoffe

Die restlichen 20% des Energiebedarfs gewinnt die Jura-Cement-Fabriken AG aus fossilen Brennstoffen, vor allem Steinkohle. Schweröl werde nicht mehr verbrannt und sei früher im Zusammenhang mit den vom Bund obligatorisch vorgeschriebenen Brennstofflagern genutzt worden, erklärt Markus Bolliger. Mit 80% alternativen Brennstoffen ist JCF international bei den Besten. Dass dieser Wert weder blosse Schätzung noch vager Jahresdurchschnitt ist, macht Bolliger rasch klar: «Der Wochenwert an alternativen Brennstoffen ist eine der wichtigsten Kennzahlen bei uns. Dies ist sozusagen das Markenzeichen für unser Werk.»

Um so weit zu kommen, investierte das Unternehmen einen zweistelligen Millionenbetrag in neue Anlagen: Annahmestellen, Lagersilos, Transportanlagen für das Material zum Brenner, Brennerlanzen und viele «Kleinigkeiten» mussten im Ablauf an die breitere Palette an Brennstoffen angepasst werden. Mit den aktuell bestehenden Anlagen sei eine Steigerung auf rund 85% möglich, führt Bolliger aus. Aus ökologischem Antrieb – und zur weiteren Kostensenkung – sei die Marke von 90% das nächste Ziel, ergänzt er. Um diese zu erreichen, werden weitere Investitionen getätigt.

Gesetzlich festgelegte Regeln

Nicht jeder Brennstoff ist jederzeit und in grossen Mengen verfügbar. Die technischen Möglichkeiten, die JCF die Annahme verschiedener Brennstoffe ermöglicht, machen das Unternehmen unabhängiger von Schwankungen in der Verfügbarkeit der Abfälle. Altreifen bilden mit rund einem Viertel den Hauptanteil der alternativen Brennstoffe. Kunststoffabfälle aus Gewerbe und Industrie, zum Beispiel Verpackungsabfall, dienen ebenfalls in grossen Mengen als Brennstoff. Selbst Verbundfolien, die aus mehreren Lagen unterschiedlicher Materialien bestehen und deshalb nicht rezykliert werden können, stellen für den JCF-Brenner kein Problem dar. Lösungsmittel und Altöl sowie Trockenklärschlamm und andere Bio-Brennstoffe sind weitere grosse Anteile der Gruppe der alternativen Brennstoffe.

Dabei ist streng geregelt, was verbrannt werden darf: In der «Verordnung über die Vermeidung und die Entsorgung von Abfällen (VVEA)» hat der Bund klare Vorgaben gemacht, wie mit welchen Abfallstoffen zu verfahren sei. «Diese Verordnung ist unsere Bibel», sagt Markus Bolliger und blättert im abgegriffenen Regelwerk, in dem viele Seiten mit bunten Reitern markiert sind. Sämtliche Materialien – insbesondere Lösungsmittel – werden bei ihrer Anlieferung vom Zementlabor analysiert, bevor sie im Verbrennungsprozess eingesetzt werden. Werden die vorgeschriebenen Grenzwerte nicht erreicht, geht die Lieferung zurück, noch ehe sie ausgeladen wurde. «Das ist allerdings eine Ausnahmesituation, die sehr selten auftritt», erläutert Bolliger. Mit den Anlieferfirmen verbindet JCF eine langjährige Partnerschaft, sodass die Zulieferer um die hohen Qualitätsansprüche wissen.


Asche wird mitverarbeitet

Im Gegensatz zu Kehrichtverbrennungsanlagen fallen in der Verbrennung bei der Jura-Cement-Fabriken AG keine sogenannten Schlacken an. Solche Ascheabfälle entstehen bei jeder Verbrennung. Jedes Stück Holz etwa hinterlässt Asche, wenn es verbrannt wird. Diese unvermeidbaren Verbrennungsrückstände bleiben bei JCF als Teil des Brennstoffes im Ofen und werden schliesslich auch zu Zementklinker umgewandelt. Da das Verbrennungsmaterial ja zuvor im Labor auf Schadstoffe überprüft worden ist, kann auch die Schlacke bedenkenlos im Material verwendet werden, bestätigt Markus Bolliger. 

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